Das Jugendamt sitzt im Rathaus. FOTO: SCHEPP
+
Das Jugendamt sitzt im Rathaus. FOTO: SCHEPP

Neue Vorwürfe

Weitere Kritik am Gießener Jugendamt

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
    schließen

Angehörige psychisch Kranker sprechen nach den Erfahrungen mit der Behörde von "verlorener Zeit", für die Patienten habe das fatale Folgen. Die zuständige Dezernentin äußert sich.

Gießen(kw). Das Jugendamt der Stadt Gießen kümmere sich oft zu zögerlich oder abwehrend um die Nöte von Jugendlichen. Bei psychisch Kranken könne dies "fatale Folgen" fürs Leben haben, etwa weil sie keine Ausbildung machen oder in die Sucht abrutschen. Das schreibt Jutta Seifert, Vorsitzende der Angehörigengruppe Mittelhessen, zu den GAZ-Artikeln über die Kritik an der Behörde. Die Aussage von Stadträtin Gerda Weigel-Greilich, Verbesserungen bräuchten Zeit, empörten die im Verein zusammengeschlossenen Familien psychisch Kranker. "Gab es nicht über zwei Jahre Zeit genug? Es ist verlorene Zeit für Kinder und Familien!" Auf GAZ-Anfrage erklärt die Grünen-Politikerin, sie treibe Verbesserungen so schnell wie möglich voran.

Seifert nennt es "deprimierend", dass noch immer eine "Wagenburg-Mentalität" vorzuherrschen scheine. Störungen träten recht häufig im Jugendalter auf, und zwar in allen Gesellschaftsschichten. "Der Zeitkorridor ist eng." Wenn Hilfe zu spät komme, drohten unter anderem die Chronifizierung von Störungen, Schulabbruch, der Verlust von sozialen Kontakten oder Cannabiskonsum, der für das jugendliche Gehirn besonders schädlich sei. Es entstünden hohe Folgekosten für die Sozialsysteme und die Betroffenen.

"Gratwanderung" für Dezernentin

"Die Familien finden sich alleingelassen in einer für sie unüberschaubaren Gesetzeslandschaft; sie haben meist auch nicht Zeit, Kraft und Mittel genug, um ihre Rechte einzufordern", schreibt Seifert. Der Hilfebedarf sei individuell und komplex. "Wir wissen, dass dies keine leichte Aufgabe ist." Seifert betont, das Jugendamt der Stadt Gießen habe durchaus Mitarbeiter, "die als empathisch und engagiert erlebt werden". Die Beschäftigten "können nichts dafür, wenn Probleme nicht von den politisch Verantwortlichen mit dem nötigen Nachdruck angegangen werden".

In den letzten zwei Jahren habe sie "einen kontinuierlichen inhaltlichen und personellen Umbauprozess zügig vorangetrieben", erklärt Weigel-Greilich. Dazu habe gehört, dass die kritisierte Abteilungsleiterin die Chance erhielt, daran mitzuwirken. "Ich habe natürlich die politische Verantwortung, auch wenn ich mich nicht in Einzelfallentscheidung einmischen darf. Ich habe aber auch eine Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitern", betont die Dezernentin.

Schon 2015 habe sie - unterstützt vom Jugendhilfeausschuss - einen Qualitätsentwicklungsprozess Erzieherische Hilfen auf den Weg gebracht, um mehr Transparenz zu erreichen. Damals habe es ihres Wissens keine Kritik an der 2013 ins Amt gekommenen Abteilungsleiterin gegeben. Allerdings habe in den Jahren 2014 bis 2016 die Extremsituation mit tausenden unterzubringender junger Flüchtlinge andere Themen im Jugendamt überlagert.

Nachdem Vorwürfe vor allem von freien Trägern aufkamen, habe sie seit 2018 an Hilfeplangesprächen teilgenommen. Das sei eine Gratwanderung, so Weigel-Greilich, denn die Politik dürfe die fachlichen Entscheidungen nicht beeinflussen. Sowohl ein großer Teil der Mitarbeiter als auch die Amtsleitung habe der Abteilungsleitung lange Zeit den Rücken gestärkt.

Dennoch habe sie 2018 eine zusätzliche Stelle Jugendhilfeplanung geschaffen und besetzt mit "einer erfahrenen Mitarbeiterin mit einer anderen Haltung gegenüber freien Trägern und Eltern". Sie habe zudem "gegen Widerstände entschieden", dass ein Fachtag zu Erziehungshilfen im Februar 2019 öffentlich war. Die Erkenntnisse der Tagung flössen in ein neues Leitbild ein. Die damalige Abteilungsleitung habe "konstruktiv mitgearbeitet". Erst nach weiteren Beschwerden sei, so Weigel-Greilich, für sie deutlich geworden, dass es "eine Diskrepanz zwischen den mündlichen Aussagen und dem tatsächlichen Handeln gibt". Zudem stellte ein internes Gutachten eine "zu hohe Entscheidungsdichte" fest.

Im März dieses Jahres entschied sie, dass die Abteilungsleiterin ab sofort nur noch für Flüchtlinge zuständig ist. Die Leitung für den Allgemeinen Sozialen Dienst wurde ausgeschrieben und solle bald besetzt werden, ebenso wie drei Teamleiter-Stellen.

Infoveranstaltung für 9. Oktober geplant

Junge psychisch Kranke legen extreme Verhaltensweisen an den Tag und wehren sich gegen Hilfsversuche: Der Film "Systemsprenger" hat kürzlich die Geschichte eines solchen Kindes geschildert. Im 20. Jahr des Bestehens als Verein will die Angehörigengruppe Mittelhessen den Möglichkeiten des Umgangs mit solchen "herausfordernden Patienten" eine Veranstaltung widmen. Wegen der Corona-Krise musste der erste Termin im April abgesagt werden. Nun ist Freitag, 9. Oktober, anvisiert. Der Verein hofft, dass zu der Tagung unter Corona-Bedingungen sozialpolitisch Verantwortliche aus der Region kommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare