Diana gut versteckt im grünen Dickicht. FOTO: PM
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Diana gut versteckt im grünen Dickicht. FOTO: PM

Der Weingott und das Seeungeheuer

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). Das Schloss Rauischholzhausen liegt in der Gemeinde Ebsdorfergrund. Das sind 30 Kilometer nördlich von Gießen. Und doch ist das alterwürdige Gemäuer mit seiner prachtvollen Parkanlage untrennbar mit der Universitätsstadt verbunden. Denn das Schloss Rauischholzhausen wird seit über 70 Jahren von der Justus-Liebig-Universität als Tagungs- und Fortbildungsstätte genutzt. Vielen Studenten und Dozenten ist das natürlich bewusst, schließlich wird hier jedes Jahr, wenn nicht gerade eine Pandemie den Veranstaltungskalender durcheinanderwirbelt, ein rauschendes Uni-Sommerfest gefeiert. Was vielen unbekannt ist: Die beeindruckende Kunst im bzw. vor dem Park ist eine offizielle Sammlung der JLU.

Bacchus hilft Betrunkenen

"Das neogotische Schloss wurde in den 1870er Jahren unter dem Freiherrn Ferdinand Eduard von Stumm erbaut. Der zugehörige Park wurde im Stil der englischen Landschaftsgärten angelegt und beherbergt fast 200 unterschiedliche Baumarten", weiß Alissa Theiß, die Sammlungskoordinatorin der Gießener Uni. Von Stumm, der aus einer saarländischen Industriellenfamilie stammte, sei Diplomat in Italien und Spanien gewesen. "Er war ein Kunstkenner allererster Güte und legte eine beträchtliche Kunstsammlung an", führt Theiß weiter aus. Lediglich ein winziger Teil davon habe sich bis heute auf Schloss Rauischholzhausen erhalten.

Wie aber kam die Kunst in den Besitz der Uni? Theiß klärt auf: "Der Sohn des Freiherrn verkaufte ab 1932 einen großen Teil der Kunstgegenstände, 1941 dann auch das Schloss selbst, das zunächst an die nationalsozialistische Volkswohlfahrt überging. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es von den Alliierten konfisziert und ging an das Land Hessen, das es der JLU zur Nutzung und Liegenschaftsverwaltung übertrug."

Damit sind auch die übrig gebliebenen Skulpturen Teil der Uni-Sammlungen geworden. Und die können sich sehen lassen: antiker Bauschmuck, italienische Wappenschilde, historische Büsten sowie fünf hochwertige Statuen können noch heute im Park bewundert werden. "Besonders schön ist die Statue der Diana, die etwas versteckt neben der Schlossauffahrt aufgestellt ist", sagt Theiß. Diana ist die römische Göttin der Jagd, gut zu erkennen an dem Köcher, den sie sich umgehängt hat. Die Statue ist aus Marmor und wird der berühmten Bernini-Schule des italienischen Barock zugeordnet.

Die Steinfiguren sind alle auf ihre Umgebung bezogen, sie "verschmelzen mit der Topographie des Landschaftsgartens", wie es Matthias Recke in einem Aufsatz ausdrückt. Dem Klassischen Archäologen, der bis 2016 Kustos der Gießener Antikensammlung war, kommt das Verdienst zu, die Skulpturen bestimmt und wieder auf sie aufmerksam gemacht zu haben. "Besonders deutlich wird die Ortsbezogenheit bei der Statue der Andromeda. Die Marmorfigur ist oberhalb des Burgteichs aufgestellt. Andromeda, Tochter der Kassiopeia, sollte einem Seeungeheuer zum Fraß vorgeworfen werden und wurde dazu an einen Felsen gekettet. Diese Szene ist hier dargestellt", erklärt Theiß. Die gefesselte Andromeda blickt angstvoll zum Teich herüber. In der Sage wird sie übrigens in letzter Minute von Perseus gerettet. Die Parkbesucher haben also nichts zu befürchten.

Mittlerweile sind zu den historischen Skulpturen auch ein paar Tierfiguren aus Holz dazugekommen. Wer aufmerksam durch den Park und den sich anschließenden Wald spaziert, kann sie mit etwas Glück entdecken. Der verwunschene Wald bot übrigens auch die Kulisse für den Fantasy-Film "Die Wolf-Gäng", der Anfang dieses Jahres ins Kino kam. Von Antikenrezeption bis Popkultur hat der Schlosspark also einiges zu bieten.

Dazu gehört übrigens auch die Figur des Bacchus, dem Gott des Weins. Er soll nicht nur einmal betrunkenen Besuchern den Weg zu den Gästehäusern gewiesen haben.

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