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Giancarlo Biscardi (l.) sorgt beim Online-Wein-Tasting dafür, dass Weinliebhabern das Wasser im Mund zusammenläuft. 

Gastronomie

Neu: Wein-Tasting aus Gießen im World Wide Web

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Wenn die Menschen nicht zu den Wirten kommen, kommen die Wirte eben zu den Menschen. Zwei Gastronomen in Gießen besprechen ihre Weine jetzt online. Die Nachfrage ist groß.

Buonasera! Giancarlo Biscardi unterhält sich gerade mit dem italienischen "Wein-Gigolo" Stefano Antonucci. Der Gianoli-Wirt sitzt vor rustikalen Backsteinen, das Licht ist gedämpft, überall stehen Fässer und Weinflaschen herum: Man könnte meinen, Biscardi und sein Gesprächspartner säßen irgendwo in einem idyllischen Weinkeller in Italien. Tatsächlich aber rauscht nur wenige Meter weiter der Gießener Verkehr vorbei. Hier, im einstigen "Credner Keller" im Doppelhaus in der Frankfurter Straße 13, hat sich der Gastronom ein Studio eingerichtet. Denn während des Lockdowns, der auch das Restaurant "Gianoli" zum Schließen zwang, hat Biscardi sein Angebot erweitert. Er hat ein Online-Wein-Tasting ins Leben gerufen. Der Zuspruch lässt den Gießener mit italienischen Wurzeln staunen. "Es ist der absolute Wahnsinn."

Seit Wochen dürfen Gastronome ihre Restaurants nicht mehr öffnen. Viele setzen daher auf ein zweites Standbein. Vor allem der Lieferservice hilft den Verantwortlichen dabei, sich über Wasser zu halten. Biscardi war einer der ersten, der sein Angebot umstellte und Pasta auf Rädern anbot. Doch das reichte ihm nicht. "Ich fühlte mich nur noch wie ein Taxiunternehmer, der Lieferungen koordinieren muss." Und so nutzte er die Zeit, ein Vorhaben umzusetzen, das schon länger in seinem Kopf umherschwirrte.

Wein-Tasting aus Gießen: Live mit einem Winzer aus Italien

Am Wochenende flimmerte die vierte Folge seines virtuellen Tastings über den Bildschirm. Der Ablauf ist stets ähnlich, sagt Biscardi. "Ich erzähle etwas über die Weine, die im Vorfeld bei uns gekauft werden können. Dann wird der Winzer zugeschaltet, mit dem ich mich auf italienisch unterhalte und übersetzte." Bei der Premiere wurde das Tasting auf zirka 200 Geräten verfolgt, zwischenzeitlich waren es sogar 400, bei der jüngsten Folge am vergangenen Samstag zählte Biscardi 320 Geräte. Da häufig zwei oder mehr Personen vor einem Bildschirm sitzen, konnte sich das Gianoli-Team über rund 800 Zuschauer freuen. Biscardi lacht: "Ich habe schon viele Weintastings gehalten. Aber nach der ersten Onlineversion war ich fix und fertig. Das ganze Adrenalin."

Biscardi ist nicht der einzige Gießener Gastronom, der sein Weintasting ins Netz gebracht hat. Auch Minas Adis und sein Team von Drossel und Specht haben sich dazu entschlossen. Am Freitag ging die Premiere über die Bühne. "Es war ein sehr schöner interaktiver Spaß", sagt Adis, "und nach jedem Wein wurde die Stimmung feuchtfröhlicher."

Adis betont, dass die Idee eine direkte Folge der Corona-Pandemie gewesen sei. "Wir haben vorher schon regelmäßig Tastings in unserem Laden angeboten. Als das nicht mehr möglich war, haben wir uns überlegt, wie wir weiterhin mit unseren Kunden in Kontakt bleiben können."

Wein-Tasting aus Gießen: Angebot auch nach Corona

Der Profit stehe dabei nicht an erster Stelle, sagt Adis, zumal er bei solch einem Konzept nur sehr schwer zu beziffern sei. Vielmehr sei es von Anfang an darum gegangen, die Gäste und Kunden auf dem Laufenden zu halten. "Wir wollen sie mit Wein bespaßen, gerade jetzt in der Isolation." Wenn der Name Drossel und Specht dadurch in den Köpfen bleibt und mitunter dazu führt, dass neue Kunden den Laden betreten, sei das natürlich ein positiver Nebeneffekt.

Das Konzept von Drossel und Specht unterscheidet sich ein wenig von Biscardis. Während sich der Gianoli-Chef mit einem Winzer unterhält und die Community Fragen stellen kann, sind bei Drossel-Specht zwölf Gesprächspartner per Video miteinander verbunden. Was die beiden Angebote eint: Sie sollen auch nach Corona aufrecht erhalten werden.

Wein-Tasting aus Gießen: Nächstes Projekt schon in der Pipeline 

Biscardi denkt sogar schon weiter: Mit dem "Weintribunal", an dem auch Drunken-Monday-Macher Nico Medenbach teilnehmen wird, ist schon das nächste Online-Projekt in der Pipeline. Auch dem Thema Kochen will sich der Gianoli-Wirt im Internet widmen. Zunächst aber steht am Freitag die Öffnung seines Lokals in der Plockstraße an. Dadurch wird sich der Sendetermin seines Weintastings auch verschieben, von samstags auf mittwochs. "An den Wochenenden wollen die Menschen jetzt sicher vor die Tür", sagt Biscardi.

Er macht jedoch keinen Hehl daraus, dass er die Öffnung mit gemischten Gefühlen betrachtet. In erster Linie aus Sicherheitsgründen. Ein kleines bisschen aber auch, weil ihn der Alltag schon bald wieder einholen könnte. "Corona ist schlimm. Viele Menschen sind daran gestorben", stellt Biscardi klar. Für ihn persönlich hätte der Shutdown aber auch positive Folgen gehabt: "Ich war davor in einem Hamsterrad aus Arbeit. Als dann ein bisschen Luft war, konnte ich mich endlich Sachen widmen, die ich schon lange angehen wollte." Biscardi lächelt. Dann fügt er hinzu: "So gesehen hat Corona mir geholfen, mich ein Stück weit zu entschleunigen."

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