"Hier fehlt etwas", findet Schlosskeller-Chef Frank Haas beim Vor-Ort-Termin mitten im trockengelegten Burggraben. 	FOTO: KW
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»Hier fehlt etwas«, findet Schlosskeller-Chef Frank Haas beim Vor-Ort-Termin mitten im trockengelegten Burggraben. FOTO: KW

Folgen eines Urteils

Weil Haftung droht: Burggraben am Alten Schloss in Gießen ohne Wasser

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Der Bürgermeister haftet, weil Kinder in einem Teich seiner Gemeinde ertrunken sind: Dieses viel beachtete Urteil aus Nordhessen wirkt sich auch auf Gießen aus. Im Graben am Alten Schloss steht derzeit kein Wasser. Dem Botanischen Garten fehlt damit eine Barriere gegen heimliche Besucher.

Das Wasser ist weg. Den meisten Gästen auf der Terrasse hinter dem Alten Schloss fällt das zunächst gar nicht bewusst auf. Der Graben rund um das Gelände ist hinter dem vielen Grün kaum zu sehen. Doch »es fehlt etwas«, sagt Frank Haas, Inhaber des Restaurants Schlosskeller. »Hier war immer Wasser.« Seit Wochen liegt die Rinne trocken. Grund ist ein Urteil gegen einen Bürgermeister in Nordhessen.

Im Februar hat das Amtsgericht Schwalmstadt das Oberhaupt der Gemeinde Neukirchen wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe in Höhe von 12 000 Euro verurteilt. Er soll persönlich haften, weil drei Kinder im Juni 2016 in einem nicht umzäunten öffentlichen Teich ertrunken sind. Der Bürgermeister hat Berufung eingelegt. Bei Kommunen löste diese Interpretation der so genannten Verkehrssicherungspflicht erhebliche Unruhe aus.

Auch die Stadt Gießen hat reagiert und den - sowieso versteckt und eher unzugänglich gelegenen - Graben zwischen dem Schlossgelände und dem Botanischen Garten kurzerhand stillgelegt. Das war ohne weiteres möglich, weil es sich um ein stehendes Gewässer handelt. Es ist denkmalgeschützt als wiederhergestelltes Teilstück des Wassergrabens, der um das Jahr 1300 die Befestigungsmauer der Stadt umgab. Normalerweise steht das Wasser darin zirka einen Meter hoch, an der Oberfläche in einer Breite von etwa zwei Metern.

Alljährlich im Frühjahr wird das Wasser abgelassen, und Gartenamt-Mitarbeiter reinigen die Rinne. In diesem Jahr wurde der Zulauf nicht mehr aktiviert, bestätigt Magistratssprecherin Claudia Boje.

Botanischer Garten in Gießen: Flaschen zeugen von Eindringlingen

»Hintergrund sind offene Fragen nach der Verkehrssicherung des Grabens.« Die Stadt wolle sicherstellen, dass dort niemand zu Schaden kommen kann. Was dazu im Detail geschehen muss, soll mit einem Vertreter der Versicherung der Stadt geklärt worden. Der Termin verzögere sich aber wegen der Coronakrise. Vorerst bleibe der Graben trocken.

Frank Haas und seine Gäste bedauern das. Zwar gebe es vielleicht etwas weniger Mücken als sonst, erzählt der Gastronom beim Gang durch das leere Bachbett mit der GAZ-Reporterin. Doch manche Kenner vermissen das Plätschern, für das Schlosskeller-Betreiber kleine Brunnenelemente installiert haben. Wasser passt außerdem gut zur Kranich-Skulptur, die vor 15 Jahren aus dem Innenhof des Stadthauses hierher zog.

Manche Zeitgenossen indes freuen sich über die Maßnahme, hat Haas beobachtet: Sie spazieren nun trockenen Fußes zum Botanischen Garten, der wegen Corona für die Öffentlichkeit in dieser Saison geschlossen ist. Entweder schleichen sie sich während der Restaurants-Öffnungszeiten über die Terrasse, oder sie unternehmen eine kleine Kletterpartie über Absperrungen.

Das bestätigt Holger Laake, Leiter der universitätseigenen grünen Anlage. Tagsüber habe er noch keine Eindringlinge gesichtet. Doch morgens zeugten immer wieder zurückgelassene Flaschen von illegalem nächtlichem Besuch. Das habe bestimmt mit dem leichteren Zugang zu tun. Laake wünscht sich das Wasser zurück - gern mit einem zusätzlichen Zaun gesichert.

Info: Garten-Pool absichern

Auch Privatleute unterliegen einer Verkehrssicherungspflicht. Das heißt zum Beispiel, dass Besitzer eines Freiluft-Pools oder Gartenteich ihr Grundstück so sichern müssen, dass Kinder nicht ohne weiteres dorthin gelangen. Selbst wenn ein Zaun vorhanden ist, kann schon ein gelegentlich geöffnetes Tor zur Haftung nach einem Unfall führen. Ob weitere Sicherungen - etwa das Abdecken des Beckens - nötig sind, hängt vom Einzelfall ab.

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