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Weihnachtstraum nur virtuell

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Das Krisenmanagement so wirr wie die Frisur von Premier Boris Johnson und ein marodes Gesundheitssystem: Das ist unser Bild von England in der Covid- Pandemie. Zu Gießens Partnerstadt Winchester scheint es nicht zu passen. Die zweite Welle rollt nicht so heftig wie bei uns.

Der Buden- und Lichterzauber mit heißem, süßen Wein und Bratwürsten vom Grill ist eine deutsche Erfindung. 2006 importierten die Verantwortlichen der südenglischen Stadt Winchester den deutschen Exportschlager Weihnachtsmarkt über den Kanal. Seitdem ist der vorweihnachtliche Trubel im Schatten der weltberühmten Kathedrale zu einer der größten Attraktionen im englischen Winter geworden, alljährlich bestaunt von über 350 000 Besuchern. Aber auch diesem Event hat Corona den Garaus gemacht. Anfang Oktober wurde der "Winchester Cathedral Christmas Market" in Gießens Partnerstadt abgesagt, übrig blieb nur eine virtuelle Version (https://christmas.winchester-cathedral.org.uk/).

"Die Stimmung ist angespannt", sagt Lawrence de Donges-Amiss-Amiss, Vorsitzender der Deutsch-Englischen Gesellschaft in Gießen. Das liege aber keineswegs nur an der Corona-Pandemie, sondern auch am Brexit, für den in der wohlhabenden, rund 125 000 Einwohner zählenden Hauptstadt der Grafschaft Hampshire 2016 nur eine Minderheit gestimmt hatte. "In England ist alles teurer geworden, und es gibt auch nicht mehr alles zu kaufen in den Läden", erzählt de Donges-Amiss-Amiss.

Corona wird "sehr ernst genommen"

Im Gegensatz zur Regierung in London, die zur Bedrohung lange Zeit "lächerliche Ansagen" gemacht habe, werde Covid-19 von den Verantwortlichen in Winchester "sehr ernst genommen". Dies hänge auch mit der Stärke der europafreundlichen Liberal-Demokraten zusammen, die die stärkste Kraft in der Stadtpolitik seien.

Für einen verantwortungsvollen Umgang mit Corona in der zweiten Welle sprechen auch die Zahlen. Die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz, die in Stadt und Landkreis Gießen mittlerweile bei deutlich über 200 liegt, bewegte sich in den ersten beiden Dezemberwochen in Winchester um die 70 und in der Grafschaft zwischen 80 und 90. Das liegt auch weit unter dem nationalen Schnitt für England, der in dieser Phase bei knapp 170 lag.

Im County Hampshire mit seinen knapp 1,4 Millionen Einwohnern, zu dem auch die eigenständigen Großstädte Southhampton und Portsmouth gehören, starben seit März mittlerweile über 1200 Menschen an oder mit Corona, davon rund 650 in Krankenhäusern und rund 550 in den Kommunen, schwerpunktmäßig in Seniorenheimen. Die Zahl der Gesamtinfektionen seit Frühjahr wird mit rund 20 000 für das County angegeben. Die vergleichsweise hohe Zahl an Toten hängt mit dem sorglosen Umgang im Frühjahr zusammen.

Das ganze Land ist in sogenannte "Tiers" aufgeteilt worden. Es handelt sich um ein Vier-Stufen-System, je nach Verbreitung der Infektionen. Winchester wechselte Anfang Dezember von der schwächsten Stufe in Tier 2, dem mittleren Level mit "hoher Alarmstufe", aber vergleichsweisen geringen Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Gaststätten, Einzelhandel, Kinos, Theater und sogar die Bingohallen blieben geöffnet.

Für Pubs, die ohne das Herumstehen um die Theke eigentlich nicht denkbar sind, gilt die Einschränkung, dass Alkohol nur am Tisch in Verbindung mit der Einnahme einer "umfangreichen Mahlzeit" ausgeschenkt werden darf.

Mittlerweile wird in England bereits geimpft, aber die Zahl der Dosen des deutsch-amerikanischen Impfstoffs der Firmen Biontech/Pfizer ist überschaubar. In der Stadt Winchester befindet sich ein größeres Krankenhaus, die Stadt indes gehört nicht zu den 50 landesweiten "Hospital Hubs", in denen zuerst geimpft wird. Der nächste "Hub" wurde am Universitätsklinikum von Portsmouth installiert.

Für de Donges-Amiss-Amiss zeigt die mediale Ausschlachtung der ersten Impfung, wie Premier Johnson dies betreibt, die ganze Widersprüchlichkeit der englischen Politik und insbesondere der konservativen Tories. "Da wird erst Stimmung gegen Arbeitsmigration, die EU und Deutschland gemacht, und dann feiert man sich mit einem Impfstoff ab, der in Deutschland von einem Wissenschaftler-Ehepaar mit Migrationshintergrund entwickelt wurde." Einige Medien in Großbritannien hätten das entsprechend kritisch kommentiert.?

Charity-Aktionen für Alte und Arme

Dass in Winchester Senioren, Arme und alleinstehende Menschen auf ein dichtes Hilfsnetz zurückgreifen können, ist für de Donges-Amiss-Amiss aus zwei Gründen keine Überraschung. "Da läuft viel mit Spenden. Charity hat in England Tradition. Außerdem ist Winchester eine wohlhabende Stadt." Staatshilfen indes gebe es eigentlich nur als Kredit. "Den muss man irgendwann zurückzahlen", sagt der Vorsitzende des Partnerschaftvereins.

Zuletzt war de Donges-Amiss-Amiss, dessen Mutter in Yorkshire lebt, kurz vor Weihnachten 2019 auf der Insel und in seinem Zuhause in Chelsea. So muss auch er in diesem Jahr auf einen der 15 schönsten Weihnachtsmärkte Europas - den in Winchester - verzichten.

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