Abstand halten ist auch am Weihnachtsmarkt in Gießen wichtig.
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Abstand halten ist auch am Weihnachtsmarkt in Gießen wichtig.

Corona-Pandemie

Corona-Expertin rät von großen Feiern zu Weihnachten ab: „Besser ist es, das nicht zu tun“

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Weihnachtsfeier in großer Runde? Ein 2G-Restaurant, in dem nicht kontrolliert wird? Impfen ab 5 Jahren? Die Gießener Infektiologin Susanne Herold beantwortet für uns Alltagsfragen.

Gießen - Der Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, findet für die sich aktuell weiter verschärfende Corona-Situation deutliche Worte: Er warnte jetzt vor einer »ernsten Notlage«. In einer Online-Diskussionsrunde mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer sprach er unter anderem von einem »sehr schlimmen Weihnachtsfest«, werde der Entwicklung mit über 65 000 Neuinfektionen pro Tag nicht Einhalt geboten. Trotzdem wird im Privaten die Weihnachtsfeier geplant oder der Weihnachtsmarkt besucht. Wie sinnvoll ist das? Und was sollte im zwischenmenschlichen Bereich beachtet werden? Alltagsfragen wie diese haben wir der Gießener Infektiologin und Professorin an der Uniklinik Gießen, Susanne Herold, gestellt.

Weihnachten steht vor der Tür: Die Familie will unbedingt zusammen feiern - und das am besten im großen Rahmen. Was raten Sie den Familienmitgliedern?

Zum aktuellen Zeitpunkt denke ich, dass Familienzusammenkünfte im großen Kreis nicht geplant werden sollten. Wir gehen auf eine sehr schwierige Situation zu, vielleicht sogar schlimmer als am letzten Weihnachtsfest. Natürlich ist ein substanzieller Teil der Menschen geimpft. Aber noch ist das Infektionsgeschehen im Moment so außer Kontrolle, dass man das nicht empfehlen kann. Es muss daher jeder aktuell für sich entscheiden, ob er unbedingt ein großes Familientreffen oder ein Treffen unter vielen Freunden wahrnehmen oder planen will. Besser ist es, das nicht zu tun - zumindest sollte man es unter 2G-Regeln tun.

Was ist mit Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, weil sie dem Impfstoffen misstrauen - oder wie der Fußballspieler Joshua Kimmich, der lieber auf den Totimpfstoff auf Protein-Basis warten will?

Das ist nicht sinnvoll. Die aktuell verfügbaren Impfstoffe sind hocheffektiv und sicher. Niemals wurde ein Impfstoff in so kurzer Zeit so vielen Menschen weltweit verabreicht. Wir haben daher eine Unmenge an Sicherheitsdaten über mRNA-Impfstoffe zur Verfügung, so viele wie niemals zuvor bei anderen Impfstoffen in so kurzer Zeit generiert wurden. Und wir wissen aus diesen Daten: Die mRNA-Impfstoffe sind sicher. Punkt. Zu warten bedeutet, dass man die Chance verschläft, sich und andere Menschen zu schützen.

Impfungen ab zwölf Jahren sind möglich. Aber wäre eine Immunisierung auch ab fünf Jahren empfehlenswert?

Es gibt gute Daten aus anderen Ländern, die zeigen, dass mRNA-Vakzine auch bei Kindern sicher und hocheffektiv sind. Da Kinder unter zwölf Jahren ungeimpft sind und die Impfrate der Zwölf- bis 17-Jährigen leider noch niedrig ist, haben wir derzeit viele Ansteckungen in diesen Altersgruppen. Kinder infizieren sich gegenseitig und tragen die Infektion in die Familien, sie tragen somit zum Pandemiegeschehen signifikant bei. Um außerdem zu vermeiden, dass das Virus sich in dieser Altersgruppe massiv weiterverbreitet, und es in der Folge zu Einschränkungen der Kinderbetreuung und des Schulbetriebs mit erheblichen psychosozialen Folgen für die Kinder kommt, wäre es besonders wichtig, auch die Jüngeren zu impfen, auch wenn sie selbst nicht so schwer erkranken. In anderen Ländern werden Kinder bereits seit Längerem mit Comirnaty (BionTech) mit sehr gutem Erfolg und sehr gutem Sicherheitsprofil geimpft. Die Ständige Impfkommission wird das auch für Deutschland empfehlen, sobald alle Daten überprüft sind und der Impfstoff in der Dosis für Kinder in Deutschland verfügbar ist. Das wird voraussichtlich noch in diesem Jahr sein.

Der Weihnachtsmarkt in Gießen findet statt - mit Sperrstunde und speziell eingerichteten 2G-Bereichen für Essen und Trinken. Was sollten Besucher jetzt beachten?

Diese Regeln sind wichtig und richtig. In größeren Menschenansammlungen sollte man auch in Außenbereichen eine Maske tragen, und die AHA-Regeln (Abstand halten, Hygiene beachten, im Alltag Maske tragen) wenn möglich auch im Freien beachten. Auch wenn das Infektionsrisiko niedriger ist als in Innenräumen. Coronaviren werden durch Tröpfchen und Aerosole übertragen - die Tröpfcheninfektion findet auch im Freien statt. Und: Auch Geimpfte können bisweilen das Virus unbemerkt tragen und andere infizieren, gerade mit der Delta-Variante. Das wird zurzeit häufig vergessen. Ich persönlich würde auch im Außenbereich dichte Menschenansammlungen vermeiden.

Die Urlaubsplanung für das kommende Jahr steht an: Thailand oder Teneriffa? Die Flüge sind unverschämt günstig. Jetzt schon buchen oder besser abwarten, wie sich die Situation entwickelt?

Das ist äußerst schwer vorhersagbar. Es bleibt daher jedem selbst überlassen. Wie sich das globale Pandemiegeschehen entwickeln wird, ist derzeit nicht abschätzbar.

Jemand geht in der Innenstadt in einem Restaurant essen, in dem 2G gilt. Aber er bemerkt, dass dies nicht überprüft wird. Was sollte man tun?

Ich denke schon, dass man entsprechende Kontrollen wird durchführen müssen, um die 2G-Erlasse flächendeckend und wirksam umsetzen zu können.

Ein alter Freund, den man schon lange nicht mehr gesehen haben, will einen vor Freude zur Begrüßung umarmen. Wie reagiert man?

Die Art der Übertragung des Virus hat sich nicht geändert: Die AHA-Regeln gelten weiterhin und man sollte sie auch beachten. Auch Geimpfte, die unbemerkt das Virus tragen, können es weitergeben. Das ist mit der Delta-Variante jetzt noch etwas wahrscheinlicher geworden. Nach der Impfung ist die Zeit der Infektiosität zwar kürzer und man gibt weniger Virus frei als Ungeimpfte. Aber mit nachlassender Akzeptanz und Umsetzung der AHA-Regeln in den letzten Monaten kam es eben auch zu einer signifikanten Zahl an Übertragungen durch Geimpfte. Es sind doch auch einfache Regeln, die so in unseren Alltag eingegangen sind, dass wir sie ohne größere Einschränkungen umsetzen können. Sie sind und bleiben eine ganz wichtige Säule der Pandemiebekämpfung.

Bei der Bestellung in der 2G-Bar: Sollte man lieber das Glas oder die Flasche nehmen?

Wenn ich es mir aussuchen müsste, würde ich die Flasche nehmen. Aber ich glaube nicht, dass diese Frage für das Infektionsgeschehen besonders relevant ist.

Die Infektiologin hat sich gegenüber dieser Zeitung auch zu Booster-Impfungen geäußert.

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