Die Bernards sehen sich Weihnachten nur per Videoschaltung: Oben links Janka mit Brynli und Bella, darunter ihr Ehemann Björn mit Beckett. Die Familie wohnt in Denver. Oben rechts Marc, Catherine und Edge in Toronto. Unten rechts Heidrun in Gießen. 	FOTO: PM
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Die Bernards sehen sich Weihnachten nur per Videoschaltung: Oben links Janka mit Brynli und Bella, darunter ihr Ehemann Björn mit Beckett. Die Familie wohnt in Denver. Oben rechts Marc, Catherine und Edge in Toronto. Unten rechts Heidrun in Gießen. FOTO: PM

Corona-Krise

Weihnachten 2020: Kein „Driving home for Christmas“ für Gießener

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Ein Weihnachtsfest ohne die Familie - für viele Menschen ist das in diesem Jahr traurige Realität. Auch für die Gießener Heidrun Bernard sowie Dagmar und Erich Zimmermann.

Gießen – Bescherung im Hause Bernard, als die Kinder noch klein waren. »Papa hat immer seine Geschenke ans Ohr gehalten, geschüttelt und geraten, was darin sein könnte«, erinnert sich Björn. »Und die anderen haben mitgemacht oder zur Vorsicht gemahnt«, ergänzt seine Mutter Heidrun und lacht. Weihnachten ist immer auch eine Zeit der Erinnerung.

Im Corona-Jahr 2020 ist das erst recht so. In vielen Familien denken die Menschen an frühere Feste, ein bisschen Wehmut schwingt mit und ein bisschen Trauer. Aber auch Hoffnung. »Sehen wir es als Abschluss eines Jahres, das wir schnell vergessen wollen. Wir freuen uns, wenn wir 2021 wieder zusammen sind«, sagt Marc Bernard. Während Björn, seine aus Bersrod stammende Frau Janka und die drei Kinder in Denver leben, wohnt Marc mit seiner Familie in Toronto. In diesem Jahr bleiben alle Bernards zu Hause. Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Videoschaltung, wenn die Teilnehmer in drei Zeitzonen leben? Diese Frage beschäftigt die Familie statt der üblichen Geschäftigkeit an Heiligabend: Steht der Baum gerade, reicht der Kartoffelsalat, wann ist der Gottesdienst?

Weihnachten 2020: Gießener Familien vermissen Verwandtschaft im Ausland

Auch Dagmar und Erich Zimmermann, langjährige Nachbarn und Freunde der Familie Bernard, sind an den Feiertagen das erste Mal alleine. Sonst waren sie bei einem der drei Söhne und deren Familien zu Gast, in Gjövik in Norwegen, in Freiburg oder Dresden. Die Zeiten, in denen daheim im Heegstrauchweg das Glöckchen zur Bescherung geläutet wurde, die Oma sich ans Klavier setzte und alle gemeinsam sangen, sind zwar schon lange vorbei, aber niemals wären sie auf die Idee gekommen, die Feiertage alleine zu verbringen. Das ist für sie kein Grund zum Lamentieren, Zimmermanns sind pragmatisch und nehmen hin, was nicht zu ändern ist. Aber mit 80 Jahren ist die Situation anders als mit 30 oder 50. »Uns alten Leuten läuft die Zeit davon. Das ist das Bedrückende«, spricht Dagmar Zimmermann (77) aus, was die anderen denken. Heidrun Bernard (78) nickt. Sie ist nicht nur ihren Kindern eng verbunden, sondern auch ihrer Schwester, die ebenfalls in den USA lebt und Anfang 80 ist. »Werden wir uns überhaupt wiedersehen?«, hat sie kürzlich besorgt gefragt, und das hat der Schwester im fernen Deutschland einen schmerzlichen Stich versetzt.

Der Gedanke an die eigene Endlichkeit ist aber auch Ansporn, gut auf sich und andere aufzupassen. Die drei Senioren bilden eine Hausgemeinschaft, sie kochen und essen jeden Tag zusammen. Aber sonst verzichten sie weitgehend auf Begegnungen. Im nächsten Jahr, da sind sie optimistisch, wird nachgeholt, was 2020 nicht möglich war. Auch einen Gottesdienstbesuch wird es ausnahmsweise für sie nicht geben, es ist ihnen zu riskant. »Ich schaue die Fernsehübertragung«, sagt Heidrun Bernard. Sie wird an den Feiertagen viel mit ihren Lieben telefonieren. Ihr Enkel Beckett in Denver ist ein begeisterter Basketballspieler, er ist glücklich, wenn er seiner Oma von der neuen Ausrüstung erzählen kann. Er hätte seine Grandma in Gießen und die Großeltern in Bersrod gerne besucht. »I miss you, ich vermisse euch«, versichern der Siebenjährige und seine großen Schwestern Bella (13) und Brynli (15) den Omas und dem Opa bei jedem Telefongespräch.

Weihnachten 2020 in Gießen: Zoom und Skype als Feier-Ersatz

Janka und Björn Bernard haben einige Traditionen aus der alten Heimat mitgenommen in die USA. Es gibt Adventskalender und Raclette wie früher, und Janka backt Spritzgebäck und Vanillekipferl wie damals zu Hause, zudem lädt sie gerne die ganze Nachbarschaft zum Adventskaffee ein (was diesmal natürlich ausfällt). Aber die Familie hat auch US- Bräuche in ihr Leben integriert, zum Beispiel den »Elf on the Shelf«, den Elfen im Regal, der immer wieder an neuen Orten der Wohnung auftaucht.

Das Bewahren der Kindheitsbräuche und die Hinwendung zu neuen Traditionen kennen auch die Zimmermanns, schließlich ist auch in ihrer Familie bereits die dritte Generation herangewachsen. Das Ehepaar hat in der Vergangenheit besinnliche Feiertage in Dresden und Freiburg verbracht und dort Neues kennen gelernt, zudem gibt es schöne Erinnerungen an heitere Weihnachtsgottesdienste in Norwegen, an festliche Trachten und nordische Trolle.

An den Feiertagen wird in diesem Jahr viel telefoniert, gezoomt und geskypt - im Heegstrauchweg und anderswo. Und manches Familienritual bleibt über Generationen und Kontinente hinweg erhalten. Wetten, dass Björn und Marc Bernard ganz wie der Papa ihre Geschenke schütteln, um zu erraten, was darin ist?

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