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Was Kunst mit uns macht

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Dr. Susanne Ließegang vor Jiang Sanshis Bergwasser-Malerei »Lanxi2012«, erschaffen mit Tusche auf Papier. © Red

In Kooperation mit dieser Zeitung fragen Mitarbeiter der Kunsthalle in ihrer Serie »What’s on your wall?«, was Kulturschaffende täglich auf ihren Wänden - zu Hause oder im Büro - begleitet. Heute stellt Dr. Susanne Ließegang, freie Kuratorin und Kunstbeauftragte am Uniklinikum Gießen, vor, was bei ihr an der Wand hängt.

Frau Ließegang, was hängt an Ihrer Wand?

Bilder bevölkern meine ganze Wohnung, manche bleiben länger, einige sind Gäste auf Zeit, kommen und gehen mit den Projekten, an denen ich gerade arbeite. Eines ist darunter, »To The Revolution«, ein Probedruck von Nancy Spero, der mich durch mein Leben begleitet. In unterschiedlichsten Wohnungen und Lebensphasen hat er immer wieder einen Platz gefunden. Eine Zeit lang schien er erledigt zu sein, verschwand in der Schublade. Dann aber war dieses Blatt, diese Frauenfigur, die den offenen Bildraum mit ihrer sonderbaren Haltung durchkreuzt, wieder aktuell, heute hängt er hoch oben an einer Wand - schwebt dort fast im Raum.

Was verbinden Sie mit dem Objekt?

Damals 1981, als wir, das waren vier Studentinnen der Kunstgeschichte, Nancy Spero in New York in ihrem Atelier besuchten, war ich, rückblickend, mehr von der Frau fasziniert, die sich selbst und die Welt mit einer unbändigen Energie herausforderte, als dass ich ihre Kunst erkannt - verstanden hätte.

Die Aufforderung »Set the world in fire!« von Nancy und Camille Billops - die gemeinsam mit James Hatch ein Archiv zur afroamerikanischen Kunst gegründet (heute Camille Billops and James V. Hatch Archivs at Emory University, Atlanta) und gerade eben begonnen hatten die Zeitschrift »Artist and Influence, The Journal of Black American Cultural History« herauszugeben - klingt mir noch in den Ohren. Will sagen, »Ihr müsst es selbst tun. Nehmt eure Energie, entwerft euer Leben. Wartet nicht darauf, dass jemand kommt, der es für euch tut. Wartet nicht darauf, dass euch irgendjemand eine Genehmigung für euer Tun gibt. Macht! Ihr steht in eurer Kraft.«

Diese beiden Künstlerinnen haben sich ihre Geschichte, die notwendigerweise die Geschichte von Frauen war, angeeignet, um ihre Zukunft zu entwerfen. »To The Revolution« … die Radikalität dieser Bildsprache habe ich erst viel später erkannt. Ich, die Kunst für viereckige Bilder an der Wand hielt, war konfrontiert mit langen Papierbahnen, auf die mit einem Stempel Figuren gedruckt wurden - wild und unverbunden über die Fläche verteilt. Alles, was ich über Kompositionen gelernt hatte, galt hier nicht mehr. Erst als ich meine Figur in der Rotunde der Schirn Kunsthalle 1989 wiederentdeckte, begriff ich, dass Nancy eine Bildsprache entwickelt hatte, die die Flächen und ganze Wände in offene, spannungsgeladene Bildräume verwandeln konnte.

Dieses Blatt ist mir wichtig, da es das erste war, das mein Sehen und Denken radikal in Frage stellte - mit und an ihm habe ich gelernt, dass Kunst nicht das Bild an der Wand ist, sondern das, was es mit uns macht. Kunst ist politisch, nicht, weil sie kritisch ein Thema beleuchtet, sondern weil sie es ermöglicht, unser Denken anders zu beginnen als zuvor. Darum lebe ich in meinen eigenen vier Wänden mit Kunstwerken, sehe ich eine Notwendigkeit im Krankenhaus mit Kunst zu arbeiten und liebe es, mich immer wieder aufs Neue von Kunstwerken herausfordern zu lassen, wie unter anderem von Jiang Sanshis Bergwasser-Malerei.

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Auch an diesem Handdruck von Nancy Spero unter dem Titel »To The Revolution« erfreut sich Ließegang. © Red

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