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Alltag an einer Grundschule - wie hier an der Weißen Schule in Wieseck. Schulleitungen in Gießen sehen es kritisch, Kinder einzuschulen, bevor sie zum Stichtag das sechste Lebensjahr vollendet haben.

Grundschule

Warum Schulleitungen in Gießen von einer vorzeitigen Einschulung abraten

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Die Frage, ob ihr Kind vorzeitig die Grundschule besuchen soll, verunsichert Eltern - dabei haben viele Schulleitungen eine klare Meinung zu den Kann-Kindern.

Immer mehr Eltern denken darüber nach, ihr Kind frühzeitig einzuschulen. Eigentlich gilt in Hessen der 30. Juni als Stichtag: Wer bis dahin sein sechstes Lebensjahr vollendet hat, fällt unter die Schulpflicht und geht in die Grundschule. Aber auch die Kann-Kinder, die nach diesem Datum Geburtstag haben, können nach einem Antrag eingeschult werden - vorzeitig. Empfehlenswert halten Schulleitungen in Gießen dies aber in der Regel nicht. »Viele Eltern entscheiden diese Frage mit Blick auf das Jetzt«, sagt Dr, Jan Schneider, Leiter der Ludwig-Uhland-Schule. »Aber manchmal fehlt die Perspektive auf das gesamte Leben.«

Einschulung in Gießen: Entscheidung trifft die Schulleitung

Es ist oft das erste Kind, bei dem Eltern über eine vorzeitige Einschulung nachdenken: Langweilt es sich nicht in der Kita? Einige Freunde gehen doch auch bald in die Schule Die Meinungen, ob es aber sinnvoll ist, ein Kind vorzeitig einzuschulen, gehen weit auseinander: Auf der einen Seite ist da die Angst vor Unterforderung, auf der anderen Seite die Sorge vor Überforderung.

Die Entscheidung, ob dies der Fall ist, trifft in der Regel die Schulleitung unter Berücksichtigung des schulärztlichen Gutachtens. In der Kleebachschule in Allendorf müssen Eltern ihr Kann-Kind ein Jahr vor der Einschulung anmelden. In einem individuellen Beratungstermin macht sich Schulleiterin Katja Agari oder die Lehrkraft vom Beratungs- und Förderzentrum (BFZ) ein Bild von der Sprachfähigkeit und den für die Grundschule erforderlichen Vorläuferfähigkeiten: Es geht um Kommunikation, Wortschatz, Sprachverständnis, Lautbildung, Grammatik und die Satzbildung des Kindes. Nach der Schweigepflichtsentbindung nehmen die Lehrkräfte Kontakt zur zuständigen Kita auf, in der das Kind am Vorschulprogramm teilnehmen sollte. Nach Möglichkeit hospitiert die Schulleitung alleine oder mit der BFZ-Lehrkraft in der Einrichtung - dies sei in der aktuellen Pandemiezeit aber schwierig, betont Agari..

Erzieherinnen und Erzieher als Experten

Kerstin Muscheid von der Goetheschule und Dr. Jan Schneider von der Uhlandschule unterstreichen die Bedeutung der Erzieherinnen und Erzieher in Kitas bei der Frage, ob ein Kind sozial und emotional schon bereit für die Grundschule ist. Die seien die Expertinnen und Experten, betont Schneider. In diesem Zusammenhang nennen sie außerdem die Zusammenarbeit mit dem Gießener Netzwerk »Gelingender Übergang« sowie dem Staatlichen Schulamt.

Wichtig ist auch die Einschulungsuntersuchung durch das Gesundheitsamt. Auch hier mache sich die Pandemie bemerkbar, sagt Agari. »Durch die Überlastung verspäten sich die Untersuchungsergebnisse oder fallen zum Teil weg. Einige Kinder wurden bei den aktuellen Erstklässlern beispielsweise erst um im September oder Oktober nach der Einschulung untersucht.«

Bei einem weiteren Termin nimmt das Kind mit den anderen Vorschulkindern - ohne Eltern - in Kleingruppen an zwei Unterrichtsstunden teil. In dieser Zeit beobachtet eine Lehrerin die Jungen und Mädchen mit Blick auf den Entwicklungsstand bei der Motorik, der sozial-emotionalen Entwicklung, dem Aufgabenverständnis und den numerischen Grundfähigkeiten.

»In der Eins-zu-Eins-Situation beim individuellen Termin mit dem Kind kann man die kognitiven Fähigkeiten gut abfragen«, sagt Kerstin Muscheid, Leiterin der Goetheschule, »aber nicht die sozial-emotionalen.« Beobachtet werden müsse in der Unterrichtssituation, ob das Kind im Klassenverband agieren kann. Muscheid betont, dass diese emotional-soziale Reife zum Teil wichtiger sei als der kognitive Entwicklungsstand, um den Schulalltag zu meistern. Sie betont, dass immer im Einzelfall entschieden werden müsse. Sie habe aber bisher nur zwei Mal eine frühzeitige Einschulung empfohlen. »Allen anderen tut es gut, noch ein Jahr in der Kita zu bleiben«, betont sie. Denn sei das Kann-Kind erstmal eingeschult und dann überfordert, könne es eine prägende Misserfolgserfahrung geben.

Einschulung in Gießen: Blick auch auf die Pubertät richten

Auch Schneider berichtet von nur wenigen Kindern, die an der Uhlandschule vorzeitig eingeschult werden. Im Durchschnitt seien es drei bis vier von 70 bis 80 Kindern pro Jahrgang, sagt er. Mit Eltern, die über eine vorzeitige Einschulung nachdenken, spricht der Schulleiter nicht »formal-sachlich«, sondern mit seiner mittlerweile 16 Jahre langen Erfahrung in dem Beruf.

Eine frühzeitige Einschulung sieht Schneider kritisch. Er unterstreicht die Aussage von Muhscheid, wenn er betont: Für eine erfolgreiche Schulkarriere brauche es vor allem die sozialen und emotionalen Kompetenzen. »Es macht etwas mit einem Kind, wenn es den Schulalltag entweder gelassen bewältigen kann oder immer hinterherhechelt«, sagt er. Dies könne aber auch auf Kinder zutreffen, die bis zum Stichtag das sechste Lebensjahr vollendet haben; und gleichzeitig gibt es Kann-Kinder, die die Grundschule locker meistern.

»Aber was kommt danach«, fragt Schneider. »In der Grundschule sind die Kinder ein großer Fisch in einem kleinen Teich, in der weiterführenden Schule aber ein kleiner Fisch im großen Teich.« Und dann komme irgendwann noch die »Blackbox Pubertät« hinzu. Kann-Kinder seien dann in ihrem Freundeskreis, der sich auch aus Schulkameraden zusammensetzt, oft die jüngsten in der Tanzschule, beim Führerschein oder in der Disco. Schneider betont: »Wir bringen durch dieses eine Jahr Kinder in Drucksituationen, die auf lange Sicht nicht zu rechtfertigen sind.«

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