Frühjahrsputz

Warum Oma im Putz-Stress war

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Kittelschürze, Chaos, Stress: Der Frühjahrsputz hat viel von seinem Schrecken verloren. Liegt das an neuer Haushaltstechnik oder einem veränderten Frauenbild? Wir haben eine Expertin gefragt.

Was sind das denn für komische Dinger, die die ›Omas gegen Rechts‹ hochhalten?" Ratlos mustert die Mittdreißigerin die geflochtenen Rattan-Klatschen mit Stiel. Ihr ist der Teppichklopfer ebenso fremd wie Bohnerwachs oder Kragenstärke. Manche Kinder haben noch nie ein Bügeleisen in Aktion gesehen. Der Gedanke, wie ihre Großmütter beim "Frühjahrsputz" geschuftet haben, lässt jüngere Frauen schaudern.

Was hat sich geändert in den letzten Jahrzehnten? Ist nur neue Technik in die Haushalte eingezogen, oder sind die Ansprüche an eine vermeintlich "gute Hausfrau" entspannter? Waren die Standards von einst gar eine Art Beschäftigungstherapie, damit die Kittelschürzenträgerinnen bloß nicht auf dumme Gedanken kommen? Grundsätzlich sei das Großreinemachen keineswegs von gestern, meint im GAZ-Gespräch die Hauswirtschaftsmeisterin, Unternehmerin und Ex-Kreisfrauenbeauftragte Elisabeth Faber. Doch Hausarbeit und die Frage, wer sie erledigt, sei ein bedeutsames gesellschaftspolitisches und wirtschaftliches Thema.

Vor dem GAZ-Gespräch hat sich Faber durch ihre Sammlung historischer Hauswirtschaftsbücher gewühlt. Und festgestellt: Nicht erst seit den 1960er-Jahren begehrten Frauen auf gegen die Festlegung auf Kinder, Küche, Kirche. Im Ersten Weltkrieg hatten viele in der Arbeitswelt die Männer ersetzt. Als die Soldaten wiederkamen, kehrte nicht jede gern hinter den Herd zurück. Marianne Püschel mahnte in ihrem 1922 erschienenen "Handbuch für den Haushaltungs-Unterricht in Mädchen-Berufsschulen": "Viele Frauen leisten die gesellige (...) Fabrikarbeit viel lieber als die Hausfrauenarbeit zu Hause. (...) Die Fabrikarbeit soll nur als Notbehelf angesehen werden. Die ihre Kräfte dem Hause widmende Frau ist viel mehr als die verdienende eine kapitalbildende, das Einkommen des Mannes steigernde Kraft."

Historischer Umbruch

Ob man Putzen, Kochen und Häuslichkeit als "natürliche" Sphäre der Frau feierte oder sie in Richtung Berufstätigkeit "draußen" drängte, hing – so stellt Faber fest – immer auch von der Wirtschaftslage ab. "Wenn die ›Brigitte‹ mehr Stricken und Nähen brachte, wusste ich: Die Arbeitslosigkeit ist hoch."

Die "Nur-Hausfrau" sei ein recht junges Phänomen: Bis in die 1930er-Jahre gab es "Dienstmädchen", in armen Arbeiterfamilien stemmten Mütter eine Doppel- bis Dreifachbelastung: Beruf, Haushalt, Kinder. Ihre und die Generation ihrer Mutter habe im "Jahrhundert der Frau" einen "revolutionären" Umbruch erlebt, weiß die 75-Jährige. Kühlschrank statt Vorratsregal, Zentralheizung statt Kohleofen: Das spare Arbeit. Und dank Emanzipation seien heute grundsätzlich sämtliche Familienmitglieder – oder bei Besserverdienern bezahlte Helferinnen, hoffentlich legal beschäftigt – fürs Saubermachen zuständig, freut sich Faber.

Die Mitgründerin des Bundesverbandes für Dienstleistungsunternehmen im Haushalt wünscht sich, dass Hausarbeit mehr gewürdigt und in Schulen gelehrt wird. Ordnung und Hygiene seien nach wie vor Grundlagen für einen gesunden, entspannten Alltag, ist ihre Überzeugung. Laut einer Studie könne Putzen gegen Depressionen helfen. Dass Teppichklopfer oder Bohnerblock in Vergessenheit geraten, liege vor allem an modernen Maschinen und Materialien.

Grundlage für gesunden Alltag

Auch im Zeitalter von Staubsauger und elektrischem Wäschetrockner haben Teppichstangen und Gemeinschafts-Wäscheleinen neben Mehrfamilienhaus nicht flächendeckend ausgedient. Das betont Wohnbau-Sprecherin Susann Balser-Hahn. Heute wüssten vor allem türkischstämmige Familien die großen Gestelle zu schätzen, weil sie Teppiche häufiger waschen. Dass die Stangen gern als Fußballtor genutzt werden, bringe freilich mitunter Lärm mit sich. Bei jeder Wohnfeldumgestaltung bespreche die Wohnbau mit den Mietern direkt, ob die alten Anlagen abgebaut werden oder nicht.

Allen, die ihr Wissen über Haushaltsführung praxisnah erweitern wollen, empfiehlt Faber das Buch "Haushaltsmanagement. So spart Mann Zeit und Energie" von Nigel Browning und Jane Moseley (Verlag Sanssouci 2004, antiquarisch erhältlich).

Zusatzinfo

Erzählen Sie Ihre Putz-Geschichte

Wie halten Sie es mit dem Frühjahrsputz? Haben sich die Anforderungen an die "gute Hausfrau" Ihrer Meinung nach verändert? Haben Sie noch traditionelle Reinigungsutensilien zu Hause, schwören Sie vielleicht darauf? Wir freuen uns auf Ihre Erfahrungen. Schreiben sie uns an redaktion@ giessener-allgemeine.de (Stichwort Frühjahrsputz) oder an die GAZ-Stadtredaktion, Marburger Straße 20, 35390 Gießen, oder rufen Sie an: Tel. 0641/300-123.

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