+
Der stellvertretende Klärwerksleiter Steffen Herbert würde den Bau einer vierten Reinigungsstufe begrüßen. Foto: Schepp

Gießener Klärwerk

Warum die Pille den Fischen in der Lahn schadet

  • schließen

Das Gießener Klärwerk sorgt dafür, dass die Abwässer nicht ungereinigt in die Lahn fließen. Den Großteil der Verschmutzungen kann die Anlage auch beseitigen. Aber eben nicht alle.

Es ist diesig an diesem Morgen, der Himmel hängt voller dicker Wolken. "Graue Suppe", wie es umgangssprachlich heißt. Allerdings ist das nichts im Vergleich zu der braunen Brühe, die zur gleichen Zeit durch das Gießener Klärwerk in der Lahnstraße schwimmt. Zumindest bei ihrer Ankunft. Denn wenn das Abwasser die Reinigungsstrecke durchlaufen hat, wird es vollkommen klar sein. "Annähernd Badewasserqualität", betont der stellvertretende Klärwerksleiter Steffen Herbert. Der Ingenieur der Mittelhessischen Wasserbetriebe weiß aber auch: Schadstofffrei ist das Wasser dann noch lange nicht.

Die wenigsten deutschen Gewässer haben aus ökologischer Sicht eine gute Qualität. Im Gewässerreport des BUND heißt es, 92 Prozent der Seen und Flüsse seien in einem beklagenswerten Zustand. Und die Lahn? Laut Dr. Holger Martin vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie ordnet sich der heimische Fluss im hessischen Mittelwert ein. Nitrat-N sowie ortho-Phosphat-P würden ihre Orientierungswerte nicht überschreiten. Medikamentenrückstände können in der Lahn ebenfalls nachgewiesen werden. Zum Beispiel das Schmerzmittel Diclofenac. Im ersten Halbjahr 2019 habe der Median der Konzentrationen bei 0,13 µg/l gelegen. "Ein gesetzlicher Grenzwert existiert derzeit noch nicht, diskutiert wird für Diclofenac aber ein Wert von 0,05 µg/l im Jahresmittel", sagt Martin. Die Lahn würde diesen Wert überschreiten.

In Gießen steht eines der größten Klärwerke Hessens. Jeder Jahr werden hier zirka 25 Millionen Kubikmeter Abwasser gereinigt. Das sind über 200 000 volle Badewannen. Von Göbelnrod bis Hüttenberg reich das Einzugsgebiet. Auch Firmenabwässer landen in der Lahnstraße, zumindest dann, wenn sie als haushaltsähnlich eingestuft sind. In einem ersten Schritt werden grobe Stoffe, Sand und Fett beseitigt. Dann schlägt die Stunde des Schlamms. Darin befinden sich Mikroorganismen, die sich von den gelösten Stoffen der menschlichen Ausscheidungen ernähren. Phosphat- und Stickstoffverbindungen gehören beispielsweise zu ihren bevorzugten Nahrungsquellen. Anschließend wird das Abwasser in die Nachklärbecken gespült. Der Schlamm sinkt ab, das klare Wasser knapp unterhalb der Oberfläche fließt in die Lahn.

"Partikel können wir sehr gut herausfiltern. Zum Beispiel Sand und Gummiabrieb", sagt Herbert. Auch gelöste Stoffe wie Ammonium oder Nitrat ließen sich sehr gut beseitigen. Ein weiterer Parameter für Gewässerqualität ist der Phosphatwert. Der Stoff führt zu vermehrten Algenwachstum, wodurch dem Wasser Sauerstoff entzogen wird. "Phosphat können wir aber sehr gut reduzieren", sagt Herbert, "die Menge, die am Ende in die Lahn fließt, liegt unter den gesetzlichen Vorgaben."

Es gibt aber auch Schafstoffe, gegen die das Klärwerk machtlos ist. "Medikamentenreste, Mikroplastik und Hormone kriegen wir zur zum Teil heraus", sagt der Ingenieur. Letztere würden zum Beispiel durch die Anti-Baby-Pille in der Kanalisation landen - mit gravierenden Folgen für die Tierwelt. "Hormone führen zu einer Verweiblichung der Fischpopulation. Es kommen also mehr weibliche als männliche Fische auf die Welt."

Anti-Baby-Pille schadet Fischen

In Mikroplastik kann Bisphenol A enthalten sein. Studien haben nachgewiesen, dass der chemische Stoff negative Auswirkungen auf das Fortpflanzungsverhalten der Fische hat. Auch für Menschen ist er schädlich. Bisphenol A wurde von der WHO als "Endokriner Disruptor" eingestuft. Diese Stoffe können bereits in kleinsten Mengen die Gesundheit schädigen.

Daher gibt es an einigen Kläranlagen erste Pilotversuche mit der sogenannten vierten Reinigungsstufe. Sie soll auch die Mikroschadstoffe bekämpfen, zum Beispiel durch Aktivkohle. "Wir rechnen damit, dass auch hier in Gießen die vierte Reinigungsstufe kommt", sagt Herbert. Konkrete Pläne gebe es noch nicht, man habe aber bereits eine Studie durchgeführt um zu klären, welche Anforderungen solch eine technische Erweiterung mit sich brächte.

Der Bau und Betrieb solch einer Einrichtung dürfte Gebührenerhöhungen nach sich ziehen. Herbert würde die Einführung jedoch begrüßen. "Die vierte Reinigungsstufe wäre eine deutliche Verbesserung", sagt der Ingenieur. "Alles, was wir zusätzlich aus dem Abwasser herausfiltern können, ist gut für die Umwelt."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare