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Impfung

Warum Kitas und Schulen in Gießen Masern-Impfpflicht gelassen sehen

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Die jetzt in Kraft getretene Impfpflicht gegen Masern wird in Kitas und Schulen in Gießen gelassen gesehen. Woran das liegt.

Auf der einen Seite soll eine Pflicht zum Impfen "die Schwächsten in der Gesellschaft" schützen. Auf der anderen Seite stehen grundsätzliche Bedenken und praktische Fragen. Es gab eine teilweise emotionale Debatte, bevor der Deutsche Bundestag im November mit Mehrheit das "Masernschutzgesetz" beschlossen hat. Seit dieser Woche ist es in Kraft - und wird in Gießen nicht offen kritisiert. "Die Diskussion ist entspannt", berichtet Stadträtin Gerda Weigel-Greilich (Grüne) auf GAZ-Anfrage aus der Arbeitsgruppe, in der sämtliche Träger von Kindertagesstätten vertreten sind.

Für diese gelassene Stimmung gibt es gleich mehrere Gründe. Der erste Grund: Für die allermeisten Betroffenen gilt eine großzügige Übergangsfrist. Kinder, die schon vor dem 1. März betreut wurden, sowie das vorhandene Personal müssen eine Immunisierung erst zum 31. Juli 2021 vorweisen.

Masern-Impfpflicht: Bis zu 2500 Euro Bußgeld

Der zweite: Für Neuaufnahmen fehlt noch die Ausführungsverordnung des Landes Hessen. Das Sozialministerium hat angekündigt, es werde "in den kommenden Wochen" Schulungen für die Gesundheits- und Jugendämter geben. Ziel sei eine möglichst "alltagstaugliche" Verankerung der neuen Regeln.

Die groben Züge seien allerdings klar, erläutert Landkreis-Sprecher Dirk Wingender auf Anfrage dieser Zeitung. Die Leitungen von Kitas und Schulen seien informiert. Sie sollten das Gesundheitsamt benachrichtigen, wenn die Familie eines neu hinzukommenden Kindes keinen Nachweis über einen Masern-Impfschutz vorlegt. Die Behörde werde dann den Kontakt zu Eltern herstellen und eine Beratung anbieten. "Im optimalen Fall folgt darauf die Impfung. Sollte diese nicht erfolgen, müssen im betreffenden Fall ordnungsrechtliche Schritte geprüft werden."

Bei Verweigerung drohen bis zu 2500 Euro Bußgeld, Kita-Kindern zudem der Ausschluss; bei Älteren geht indes die Schulpflicht vor. Lehrer oder Erzieher, die sich partout nicht immunisieren lassen wollen, müssten letztlich mit einem Betretungs- und Betätigungsverbot rechnen.

Masern-Impfpflicht: Skeptiker nutzen wohl Schlupflöcher

Dass es so weit kommen wird, ist indes unwahrscheinlich, so Weigel-Greilichs Einschätzung. "Ich gehe davon aus, dass in den allermeisten Fällen die zweite oder beide Impfungen einfach vergessen wurden." Die erhöhte Aufmerksamkeit und Druck könnten daher helfen, die angestrebte 95-Prozent-Quote zu erreichen. Rebellische Töne seien ihr bisher nicht zu Ohren gekommen, so die Jugenddezernentin der Stadt.

Tatsächlich werden Skeptiker - abgesehen von einigen Familien, die Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingereicht haben - wohl in aller Stille Schlupflöcher nutzen.

Einschlägige Internetforen raten Eltern, die Konfrontation mit "Impf-Mobbern" zu vermeiden. Ärztinnen und Ärzte "des Vertrauens" könnten ein Attest ausstellen, dem zufolge eine Impfung grundsätzlich nicht möglich sei, etwa wegen schon einmal aufgetretener starker Reaktionen.

Masern-Impfpflicht: Stille Rebellion der Skeptiker

Wie viele Prozent der Gießener Kita-Kinder gegen Masern geimpft sind, werde bisher nirgends statistisch erfasst, erläutert die Stadträtin. Laut Wingender wiesen bei den Schuleingangsuntersuchungen in Stadt und Kreis im Schnitt 85 Prozent der jährlich 2000 künftigen Erstklässler die beiden empfohlenen Impfungen auf.

Masernausbrüche sind im Übrigen überaus selten. Die 33 Fälle im Jahr 2005 im Kreis Gießen markieren einen deutlichen Ausreißer. Im vergangenen Jahr wurde lediglich eine einzige Erkrankung registriert.

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