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"Es waren zwei wahnsinnig aufregende Jahre"

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Harald Wolff hat in den letzten zwei Jahren am Stadttheater als Chefdramaturg Impulse gesetzt. Nun wechselt er als Dramaturg an die Münchener Kammerspiele. Im Interview blickt er auf seine Zeit in Gießen zurück, nennt Herausforderungen, denen sich das Theater aktuell stellen muss, und wagt einen Ausblick auf das Theater der Zukunft - noch während und auch nach der der Corona-Pandemie.

Welche Begriffe/Themen kennzeichnen Ihre Zeit als Chefdramaturg in Gießen?

Momentan beschäftigt mich am meisten die krasse Situation, in der wir uns jetzt befinden. Aber im Rückblick geht es bei den gesellschaftlichen Themen auch um rechte Gewalt. Zur Aussage von AfD-Chefideologe Marc Jongen vor zwei Jahren, er wolle den Kulturbetrieb ›entsiffen‹, habe ich damals schon gesagt, wer so redet, der will am Ende des Weges töten. Nicht unbedingt als Mensch, aber von der Geistesbewegung her. Und heute sehen wir die Folgen: den Anschlag von Hanau, den Lübke-Mord... Das ist also ein großes gesellschaftliches Thema.

Als erste Bewegung aus dem Corona-Koma heraus kommen nun antirassistische Demonstrationen.

Das halte ich für bemerkenswert. Ein weiteres wichtiges Schlagwort ist für mich der Umgang mit der Demokratie. Wir erleben gerade eine Re- organisation des öffentlichen Raumes und der Demokratie mit digitalen Mitteln. Die Frage, wie können wir Demokratie stärken, die beschäftigt mich schon lange, auch in den letzten zwei Jahren.

Und wie fällt ihr Rückblick konkret auf die Zeit am Theater in Gießen aus?

Es waren zwei aufregende Jahre. Es gab wahnsinnig spannende Begegnungen. Ich habe extrem gerne mit dem Ensemble gearbeitet und bin tatsächlich stolz auf das, was wir da gemeinsam erreicht haben. Es war schon relativ radikal, dass wir fast ausschließlich Stücke aus dem 21. Jahrhundert gespielt haben. Und das nicht nur mit gängigen Titeln. Ich kenne kein anderes Drei-Sparten-Haus, an dem das möglich gewesen wäre. Ich hatte an drei, vier Theatern vergeblich versucht, Ivana Saiko unterzubringen. Und hier hat sie sogar selbst "Rio Bar" inszeniert, für mich wohl die wichtigste Arbeit in meinen zwei Jahren. Oder die Sachen der Performancegruppe Skart: Das sind ja ästhetisch schon ziemlich wilde Setzungen. Das hat mir großen Spaß gemacht. Die Uraufführung von "100 Songs" haben wir ins Große Haus gesetzt und das Publikum hat das gut angenommen. Für ein unbekanntes Gegenwartsstück ist das sensationell. Wir können hier Gegenwartsdramatik auf der großen Bühne machen, weil wir ein Publikum haben, das neugierig darauf ist und die Auseinandersetzung mit der Gegenwart annimmt.

Welche ästhetischen Experimente kann man einem Publikum in einer Stadt wie Gießen zumuten? Offenbar viel?!

Ja, alles. Und das ist das Tolle. Weil das Gießener Publikum schon so lange mit den JLU-Theaterwissenschaftlern zu tun hat, ist Gießen eine Art Theater-Avantgarde-Stadt. Die später einmal den Ton angebenden Theatermacher sind in der Stadt, und das macht natürlich etwas. Oder wir haben "Orlando" gezeigt, was in der Verbindung von Virginia-Woolfs-Biografie und dem Orlando-Roman super anspruchsvoll war. Die Reaktionen waren gigantisch. Die Themen, die aufgegriffen wurden, etwa das Aufheben von Geschlechtergrenzen, hatten offenbar eine hohe Notwendigkeit, im öffentlichen Raum manifest zu werden.

Sie fordern, dass Themen, die die Gesellschaft betreffen, im Theater verhandelt werden müssen und das Publikum dazu auch die Auseinandersetzung suchen soll. War das Gießener Publikum dazu bereit?

Absolut. Das sind genau die Sachen, die einen glücklich machen.

Ist es leicht, studentisches Publikum zu erreichen?

Da habe ich keinen Mangel gespürt.

Aber nun wird die Zusammenarbeit mit den ATWlern weniger. Björn Mehlig ist nicht mehr Teil des Dramaturgenteams. Wird das einen Bruch geben?

Der Weggang von Björn Mehlig und der des stellvertretenden technischen Direktors Steff Hans, - der Kopf, Herz und Seele des Betriebs ist -, wird viel größere Veränderungen am Stadttheater bringen, als die Tatsache, dass ich jetzt das Haus verlasse. Was Björn aus der Schmiede der bundesweiten Theateravantgarde in das Stadttheater hereingebracht hat an Diskussionen, Gedanken, Herausforderungen und Erweiterungen des ästhetischen Spektrums, ist groß. Ich kenne niemanden, der so umfassend in ästhetischen Formen denkt wie Björn. Dieses immer wieder in Frage stellen dessen, was man tut, hat mich wahnsinnig weitergebracht. Er ist einer der klügsten Dramaturgen, mit denen ich je zu tun hatte. Das Modell, strukturell mit den ATWlern auf Augenhöhe am Stadttheater zusammenzuarbeiten, war für mich ein wesentlicher Punkt, nach Gießen zu kommen.

Hat sich das Prinzip des Chefdramaturgen bewährt? Ihr Nachfolger Andre Becker wird die gleiche Funktion übernehmen.

Ja. Der Austausch mit Ballettdirektor Tarek Assam und dem Tanzdramaturg war sehr befruchtend. Und auch die Gespräche mit Björn Mehlig waren extrem bereichernd. Ich finde, diese strukturelle Zusammenarbeit zwischen den Sparten müsste man noch ausbauen und die Zusammenarbeit mit den Theaterwissenschaftlern nicht zurückfahren.

Unterbricht auch Corona die Kontinuität in der Arbeit am Stadttheater?

Corona hat einen Digitalisierungsschub in der Theaterlandschaft ausgelöst. Es wird im Herbst einfach ganz anders sein, als es vorher war. Ich habe schon im März Andre Becker zur ›virtuellen Ensemblekneipe‹ dazu geholt. weil die Perspektiven, die da zu finden waren, eigentlich auf den Herbst zielten. Und das konnte ich nicht mehr bieten. Es war auch für das Ensemble sehr wichtig, früh klarzumachen, dass die Orientierung jetzt auf einen anderen Punkt zielen muss als auf das, was in vier Wochen ist.

Und Corona wird langfristig für weniger Geld im Kulturbereich sorgen.

Die Gewerbesteuereinnahmen werden wegbrechen, Städte können nun mal nur bei den freiwilligen Leistungen kürzen, also Theater, Schwimmbäder und Bibliotheken. Theater selbst können nur bei den frei verhandelten Verträgen kürzen. Bei vertraglich gebundenen Kollektiven wie Technik, Orchester, Chor können sie gar nichts machen. Frei verhandelte, also künstlerische Verträge, sind meist auf zwei Jahre begrenzt. Wir werden sehen, dass die Ensembles in Deutschland wieder kleiner werden.

Und dabei hatte sich gerade eine Verbesserung eingestellt.

An den Münchener Kammerspielen wird etwa das Ensemble von 15 auf 30 Mitglieder vergrößert. Das ist ein echter Paradigmenwechsel. Aber ich fürchte, der Trend wird ganz schnell in die entgegengesetzte Richtung führen. Ich war in der letzten Zeit viel damit beschäftigt, mir Gedanken zu machen, wie freiberuflich beschäftigte Künstler nun über die Runden kommen. Wir haben einen Hilfsfonds aufgelegt. Da haben wir innerhalb weniger Tage 25000 Euro eingesammelt. Inzwischen haben festangestellte Schauspieler rund 75000 Euro für ihre freien Kollegen, Schauspieler und Regisseure gespendet. Gespendet haben Menschen, deren Nettoeinkommen selbst in der Regel nur zwischen 1100 und 1400 Euro liegt. Viele haben Angst vor dem Herbst - und das nächste Jahr wird brutal.

Aber es gibt auch Erfreuliches in Sachen Kontinuität zu berichten.

Es freut mich natürlich, dass die beiden ersten Schauspielproduktionen der neuen Spielzeit, "Erinnya" und "Gold", schon noch meine Entdeckungen sind. "Gold" ist tatsächlich einer der spannendsten Texte, der mir in die Finger gekommen ist. Es freut mich extrem, dass die Kollegen die Anregung aufgegriffen haben.

Welche Themen werden Theater künftig beschäftigen?

An den Münchener Kammerspielen reden wir davon, die Wirklichkeit nicht in Ruhe zu lassen. Wir beschäftigen uns mit Demokratie und ihrer Gefährung, systematisch ausgeblendeten Perspektiven, der Zukunft der Pflege. Das sind alles Themen, für die wir uns lange vor Corona entschieden hatten.

Corona macht die Bruchstellen der Gesellschaft extrem sichtbar.

Wo es problematisch ist, das bekommt man jetzt um die Ohren gehauen. Wenn etwa jemand aus der Ukraine nach Deutschland kommen muss, damit meine Oma betreut ist, dann stimmt gesellschaftlich etwas nicht. Die Themen springen uns jetzt an. Auch die Frage, was uns als Gesellschaft verbindet. Was ist öffentlicher Raum? Und die Frage, welche Rolle Kulturinstitutionen in der Gesellschaft spielen können, stellt sich extrem neu. Theater müssen "common spaces" einer Zivilgesellschaft sein, aber wie können sie das sein, wenn das Zusammentreffen so erschwert ist? Wir wissen nicht, was auf uns zukommt, und wir wissen nicht einmal, welche Form unsere Arbeit annehmen wird. Aber das klingt für mich nach Theater - so ist es eigentlich in jeder Theaterproduktion.

FOTO: WEGST

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