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Wandern gegen die Einsamkeit

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Von: Marion Schwarzmann

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Moderatorin Sabine Heymann und Autor Daniel Schreiber im munteren Gespräch im »Ulenspiegel«. © Marion Schwarzmann

Daniel Schreiber scheint einen Nerv der Zeit getroffen zu haben. Von seinem Bestseller »Allein« fühlen sich offensichtlich viele Menschen angesprochen. Der Keller des »Ulenspiegels« jedenfalls war am Mittwochabend bei einer LZG-Lesung voll besetzt.

Man mag es kaum glauben, als Moderatorin Sabine Heymann folgende Zahl verkündet, die sich als Fußnote 7 in Daniel Schreibers Buch findet: Laut Statistischem Bundesamt vom 11. Juli 2019 leben 17,3 Millionen Menschen in Deutschland in einem Einzelhaushalt. Diese Zahl ist im Vergleich zum Beginn der 90er um die Hälfte gestiegen und macht 42 Prozent der Gesamthaushalte aus. Damit haben Single-Haushalte den klassischen Zwei-Personen-Haushalt mit 34 Prozent klar überholt.

Ob freiwillig oder unfreiwillig: Der Schriftsteller wehrt sich massiv dagegen, dass allein leben ein Makel sei. »Wie wir als Gesellschaft auf alleinlebende Menschen schauen, ist vollkommen absurd«, findet Schreiber und hat die Nase voll von Sprüchen wie »Du musst deine Ansprüche senken« oder »Ihr führt ein defizitäres Leben«. Und er unterstreicht den Unterschied zwischen allein und einsam: »Alleinsein kann man selbst gestalten, Einsamkeit ist ein psychischer Ausnahmezustand.«

Früher in seinen zwanziger Jahren konnte er nicht allein zu Hause sein, erzählt der inzwischen 45-Jährige, der in Berlin wohnt. »Heute brauche ich das.« Er hat das Wandern und Gärtnern für sich entdeckt. Von der Handarbeit mit Pflanzen, bei denen Schreiber sich bewundernswert gut auskennt, habe er sich Erdung erhofft, um dem Gefühl der Ausweglosigkeit bei Klimawandel und anderen Katastrophen zu entrinnen. Und Heymann vom Literarischen Zentrum ergänzt, dass das Gartenmotiv das gesamte Buch durchzieht.

So liest denn Schreiber als Erstes mit ruhiger Stimme eine Passage aus dem Anfang seines 150-seitigen Essays, in dem er sich entschließt, seinen Freunden Sylvia und Heiko bei der Anlegung eines ökologischen Gartens zu helfen. Seine Befürchtungen, dass die Freundschaft durch den Wegzug der beiden an den Liepnitzsee im Berliner Umland gefährdet sei, lösen sich durch diese Aktion in Luft auf.

Ursprünglich habe er vor sechs Jahren ein Buch über die Freundschaft schreiben wollen, berichtet Schreiber. Doch er wollte sich nicht vor der Frage drücken, ob Freunde die Einsamkeit verdrängen, ja sogar eine romantische Beziehung ersetzen können. Denn selbstverständlich brauchen wir alle menschliche Nähe. Wie sehr - das haben Singles während der Pandemie zu spüren bekommen. Für den homosexuellen Autor war dieser Ausnahmezustand mit unerwarteten Enttäuschungen verbunden. Er reiste für einige Wochen auf die Kanaren und verfeinerte seine »Techniken der Selbstreparatur«, wie er es nennt: jeden Tag Yoga und zehn Kilometer laufen. Das schafft Raum und lehrt, sich selbst auszuhalten. Und er kommt zu dem Schluss: Alleinlebende müssen sich mehr anstrengen, um ein erfülltes soziales Leben zu führen.

Schreibers philosophische Abhandlung - das zeigt dieser muntere Abend im eloquenten Gespräch zwischen Autor und Moderatorin - ist dann besonders stark, wenn er von persönlichen Erfahrungen berichtet. Wer den schmalen Band aufmerksam liest, der nach »Nüchtern« (2014) und »Zuhause« (2017) als drittes Werk im Hanser Verlag erschienen ist, der muss sich allerdings auch an allerlei wissenschaftliche Zitate gewöhnen, mit denen der gebildete Mann seine Thesen untermauert.

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