Aktuell kann Daniela Paul ihrer Leidenschaft nicht nachgehen. Auch das Westbad ist noch immer geschlossen. 
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Aktuell kann Daniela Paul ihrer Leidenschaft nicht nachgehen. Auch das Westbad ist noch immer geschlossen. 

Corona-Krise

Mut zum Wandel: Profischwimmerin Daniela Paul aus Gießen hat durch Corona umgesattelt

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Wegen Corona kann die Gießenerin Daniela Paul nicht mehr als Schwimmlehrerin arbeiten. Die 40-Jährige hat aber nicht resigniert, sondern eine neue Tätigkeit gefunden, die sie begeistert.

Es ist nicht das erste Mal, dass Daniela Paul einen Umbruch erlebt. Die 40 Jahre alte Gießenerin kommt gebürtig aus Leipzig und bezeichnet sich selbst als Wendekind: Die Wiedervereinigung hat sie als Chance erlebt. Nun ist sie im Zuge der Corona-Pandemie zum zweiten Mal mittendrin in grundlegenden Veränderungen. Und was macht die Profischwimmerin? Sie erfindet sich neu. Die Geschichte von "Danni" Paul macht Mut in einer Zeit der Ungewissheit.

Daniela Pauls Weg beginnt in der ehemaligen DDR. In der Kinderkrippe wird sie beim Duschen verbrüht - und steht danach mit dem Element Wasser auf Kriegsfuß. Als Talentsichter Jahre später in ihre Grundschule kommen, erkennen sie in dem Mädchen Talent fürs Schwimmen - ausgerechnet. Die Trainerin bemerkt später, wie sich Daniela Paul darum drückt, ins Wasser zu springen, und schubst sie kurzerhand ins Becken. "Die klassische Schocktherapie", sagt Daniela Paul und lacht.

Gießenerin Daniela Paul: Angst vorm Wasser

Sie geht auf ein Sportgymnasium in Leipzig, schwimmt für die deutsche Nationalmannschaft und gehört zum Auswahlteam für die Olympischen Spiele in Atlanta und Sydney. Nur: Irgendwann ist Daniela Paul der Aufwand, den sie als Profisportlerin betreiben muss, zu groß. Und der Körper macht unter dem Druck des Leistungssports nicht mehr so mit, wie er sollte. Sie macht eine Ausbildung als Werbekauffrau in Baden-Württemberg und fängt in Gießen ein Sportstudium an.

"Ich wollte nebenbei ehrenamtlich Kinder im Schwimmverein ausbilden", erzählt sie. "Aber um mein Studium zu finanzieren, habe ich nebenbei Kommilitonen Schwimmunterricht gegeben." Von anderen Badegästen wird Daniela Paul angesprochen, ob sie nicht auch ihnen Unterricht geben könne. Sie gründet 2009 ein Kleinunternehmen - und ist bis heute als Selbständige in diesem Bereich aktiv. Daniela Paul hilft Menschen unterschiedlichen Alters - vom Seepferdchen über den Triathlon bis hin zum Gesundheitssport im hohen Alter.

Für Daniela Paul sind Schwimmbäder mehr als eine Sportstätte. Deswegen treibt sie die Sorge um, dass die Corona-Pandemie wie ein Brennglas wirkt und viele von ihrer Existenz bedrohte Bäder dichtmachen müssen. Für die Gießenerin sind sie ein Ort der Begegnung, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichem Einkommen oder Alter in einem Element sind. "Man lernt respektvollen Umgang miteinander, aufeinander zu achten und sich auszutauschen", sagt sie. "Wasser ist ein tolles Element, das uns lockert und trägt. Man lernt, loszulassen." Deshalb appelliert sie: Sobald die Schwimmbäder wieder öffnen dürfen, sollten die Menschen auch wieder dorthin gehen. Das Kulturgut dürfe nicht von der Bildfläche verschwinden.

Gießenerin Daniela Paul: Auf den Sattel

Es ist bezeichnend, dass sich Daniela Paul so große Sorgen um den Fortbestand ihres "Wohnzimmers" macht. Man merkt ihr an, dass es sie stört, die Sache nicht selbst in die Hand nehmen zu können. Denn genau das macht die 40 Jahre alte Frau, als sie ihre Arbeit vom einen auf den anderen Tag nicht mehr ausüben kann. "Es war ein Schock, als ich an einem Freitag erfuhr, dass die Bäder vorerst geschlossen werden", sagt sie. An jenem Wochenende überlegt sie, wie es weitergehen könnte. Ihr ist klar: Sechs Wochen kann sie überbrücken.

Am Montagmorgen geht sie zum Arbeitsamt, um sich arbeitslos zu melden. Anschließend geht sie in eine Bank, um nach einem Kredit zu fragen. Beides kommt nach langer Wartezeit für sie nicht infrage. Als im März die Soforthilfe für Selbständige anläuft, wird sie auch dort nicht berücksichtigt: Sie hat kaum Betriebskosten, die in diesem Rahmen erstattet werden. Nach etwa vier Wochen sei ihr klar geworden, dass die Auswirkungen der Pandemie noch lange andauern werden, sagt sie. "Also habe ich das gemacht, was Unternehmer tun: etwas unternommen."

Gießenerin Daniela Paul: Wie die Angst zum Freund wurde 

Sie spricht mit Michael Gaul, einem ihrer Schwimmschüler. Der betreibt in Butzbach und seit Kurzem auch in Wetzlar ein Fahrradgeschäft. Er stellt sie ein - Vollzeit. "Man hilft sich gegenseitig", sagt Daniela Paul und lächelt. Seitdem arbeitet sie bei "Bikes’n’Boards" als Kundenbetreuerin. Die Arbeit macht ihr so viel Spaß, dass sie weitermachen will, wenn die Bäder wieder öffnen - als Teilzeitkraft. "Ich habe innerhalb von vier Wochen alles über Fahrräder gelernt, die Branche begeistert mich."

Daniela Paul hat als kleines Kind ihre Ängste vor dem Wasser überwunden und sieht das Element mittlerweile als sehr engen Freund. Das Gleiche hat sie nun mit ihrem Beruf gemacht. Sie sagt: "Das Fahrrad und ich haben eine gemeinsame Zukunft."

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