Wal-Party nach Knochenjob

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Es ist vollbracht: Der Pottwal, der vor drei Jahren bei Helgoland gestrandet war, hat seine neue Heimat gefunden. Das zwölf Meter lange Skelett hängt in der Hermann-Hoffmann-Akademie. Bei einer Feierstunde am Mittwoch war der Wal der Star des Abends.

Aus dem Lautsprecher ertönt Walgesang. Im Hörsaal ist das Licht erloschen, lediglich ein Scheinwerfer durchbricht die Dunkelheit. Er ist auf den Ehrengast des Abends gerichtet: der Gießener Pottwal. Die Verantwortlichen der Justus-Liebig-Universität haben bei der Präsentation des zusammengesetzten Skeletts für einen besonderen Rahmen gesorgt. Kein Wunder, schließlich war das Projekt für alle Beteiligten eine große Herausforderung. Denn noch nie haben sie hier an der Gießener Uni ein so großes Tier präpariert. Welchen Stellenwert der Pottwal hat, belegte auch der Besucherandrang: Neben rund 120 Helfern und Ehrengästen waren auch Kamerateams, Radioreporter und Tageszeitungen in die Hermann-Hoffmann-Akademie gekommen.

Es ist Prof. Volker Wissemann zu verdanken, dass sich Gießen fortan als Stadt rühmen kann, die ein solch imposantes Wal-Skelett beheimatet. Als im Januar 2016 eine Gruppe von bis zu 30 Pottwalen in der Nordsee strandete, zögerte er nicht lange und brachte die JLU als künftigen Ausstellungsort ins Spiel. "Das war ein zweitägiger Krimi", erinnerte sich Wissemann am Mittwoch. Er sei so aufgeregt gewesen, dass er ganz vergessen habe, den Uni-Präsidenten über das Vorhaben zu informieren. Doch der Krimi sollte ein Happy End haben, Gießen erhielt den Zuschlag. Und die Verantwortlichen standen plötzlich vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe.

Von Prof. Stefan Arnhold erfuhren die Besucher, welche Hürden in den vergangenen drei Jahren zu meistern waren. Von der Anlieferung der Überreste in Gießen – "ein olfaktorisches Highlight", wie Arnhold es formulierte – über das Entfernen der Fleischberge, das Zusammensetzen des Skeletts bis hin zum Aufhängen an der Hörsaal-Decke, wofür eine Metallbau-Klasse der Theodor-Litt-Schule extra ein Stahlgerüst fertigen musste.

JLU-Vizepräsident Prof. Peter Kämpfer dankte nicht nur den Schülern für ihren Einsatz, sondern auch allen anderen rund 200 an dem Vorhaben beteiligten Personen. "Das ist ein hessenweit einzigartiges Projekt", sagte Kämpfer und betonte zugleich die Wichtigkeit der universitären Arbeit. "In Zeiten von Fake News ist es umso wichtiger, durch Lehre Wissen zu vermitteln."

Prof. Martin Bergmann fing gleich damit an. In einer Präsentation erklärte er den Besuchern die biologischen und anatomischen Besonderheiten des Meeressäugers. Zum Beispiel, dass er einst als Paarhufer an Land lebte und sein Schädel trotz der imposanten Größe dem des Menschen ähnele.

Mit der Präsentation des Pottwal-Skeletts geht für die Verantwortlichen eine spannende Zeit zu Ende. Für die Gießener Bürger fängt sie jedoch erst an. Bei Führungen können sie das Skelett künftig selbst in Augenschein nehmen, auch wenn die ersten am kommenden Samstag bereits ausgebucht sind. Und die Studenten werden vermutlich einen neuen Lieblingshörsaal haben. Der Pottwal, der einst durch die Weiten der Weltmeere glitt, schwebt jetzt über den Köpfen der jungen Leute – und beflügelt dabei vielleicht auch ihren Forscherdrang.

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