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Vorhang auf für Fachkräftejagd

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Von: Oliver Schepp

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Auch heimische Unternehmen erhoffen sich über Kinowerbung neue Mitarbeiter. © Oliver Schepp

Kaum eine Branche ist nicht auf der Suche nach neuen Mitarbeitern. Der Mangel an Fachkräften zeigt sich auch im Kino, zum Beispiel im Gießener Kinopolis. Auf der Leinwand wollen heimische Arbeitgeber potenzielle Mitarbeiter von sich überzeugen.

Eine große Tüte Popcorn, eine Cola, und schon kann der Kinoabend beginnen: Doch bevor der Film startet, steht noch eine ganze Reihe Werbeclips an. »Like ice in the sunshine.« Neben Werbung für Cornetto, Schokolade und anstehende Kinopremieren suchen in letzter Zeit aber auch immer mehr Unternehmen auf der Leinwand nach neuen Mitarbeitern. Diesen Trend kann Enrico Sinner bestätigen. »Werbeblöcke mit dem Thema Human Resources haben deutlich zugenommen«, sagt der Betriebsleiter des Gießener Kinopolis und fügt an: »Der Fachkräftemangel ist inzwischen ein gesamtgesellschaftliches Problem.«

Laut Bundesagentur für Arbeit waren im November deutschlandweit 823 314 Stellen unbesetzt. Der Mangel zieht sich durch alle Bereiche. Es gibt kaum ein Restaurant, das nicht nach Servicekräften sucht. Im Pflegebereich werden lukrative Boni bezahlt, und auch der Frankfurter Flughafen lässt sich die Akquise neuer Kräfte einiges kosten.

Immer mehr geschieht das auch auf der Kinoleinwand. Das bestätigt Corrado Luciano von der Weischer.Cinema Regio GmbH. Das Kölner Unternehmen bezeichnet sich selbst als führenden Kinovermarkter in Deutschland, der rund 80 Prozent aller nationalen Kinokampagnen betreue. Weischer.Cinema ist auch Partner des Gießener Kinopolis. Laut Luciano hat die Zahl von Werbefilmen, die sich mit der Mitarbeitergewinnung befassen, um 30 Prozent zugenommen. »Die Themen Recruiting, Azubi-Suche und Fachkräftemangel begleiten uns jeden Tag«, sagt der Director Regional Sales. Für 150 Euro aufwärts könnten Unternehmen auf der Kinoleinwand einen Monat lang präsent sein. Wenn auch noch der Spot produziert werden muss, was Weischer.Cinema ebenfalls übernimmt, wird es dementsprechend teurer.

In den vergangenen Jahren waren viele heimische Unternehmen auf der Kinoleinwand zu sehen, zum Beispiel das UKGM und das Evangelische Krankenhaus. Während diese beiden Kliniken diesen Werbekanal zumindest aktuell nicht einsetzen, hat die Asklepios-Klinik in Lich kürzlich einen neuen Spot auf die Gießener Leinwand gebracht.

Unter dem Motto »Komm auch du beruflich an und werde Teil unseres Teams« bittet das Krankenhaus um Bewerbungen. Aus gutem Grund, wie Pressesprecherin Patricia Rembowski sagt. »Nach einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens Pricewaterhouse Coopers werden im Jahr 2035 knapp 1,8 Millionen offene Stellen im Gesundheitswesen nicht mehr besetzt werden können, weil qualifizierte Kräfte fehlen. Das entspricht einem Engpass von 35 Prozent. Bereits heute spüren wir diese Entwicklung, die unter anderem im demografischen Wandel begründet liegt und sich darin äußert, dass offene Stellen nur mit großem Aufwand besetzt werden können.« Entscheidend für die Aufnahme des Kinospots sei gewesen, den »Spirit des Hauses« transportieren zu wollen, sagt Rembowski und fügt an, über die Leinwand neue Kollegen »in entspannter Umgebung emotional« erreichen zu können.

Ziel: Positive Assoziationen

Auch das Unternehmen Zeiss leidet unter Fachkräftemangel und wirbt daher auf der Gießener Kinoleinwand um neue Kräfte. »Aktuell haben wir allein am Standort Wetzlar 45 offene Stellen ausgeschrieben. Der geplante Personalaufbau umfasst mindestens 30 weitere Stellen für dieses Geschäftsjahr«, teilt Pressesprecherin Lena Marie Wendnagel mit.

Kinowerbung hat aber auch einen Schwachpunkt, und zwar den vergleichsweise kleinen Kreis an Adressaten. Durch Fernsehen, Internetseiten, Radio oder Tageszeitungen erreichen die werbenden Unternehmen eine deutlich größere Zahl an Menschen. Kinopolis-Betriebsleiter Sinner sieht aber auch Vorteile. »Das Kino zieht nachweislich vor allem jüngere Menschen an. Unternehmen, die auf diese Zielgruppe abzielen, können diese hier direkt ansprechen.« Außerdem sei der Kinobesuch oft positiv assoziiert, und das könne sich dann auch auf das beworbene Produkt bzw. den Service übertragen. »So ein Spot bleibt dann eher im Gedächtnis als ein Plakat an der Bushaltestelle«, glaubt Sinner.

Ähnlich argumentiert auch Zeiss-Sprecherin Wendnagel. Hinzu komme, dass Kinowerbung nicht weggeblättert, -gezappt oder -geklickt werden könne. »Außerdem bestehen Vorteile durch den hohen regionalen Bezug: Durch das Kino können wir unsere Zielgruppe an den jeweiligen Standorten gezielt in nahe gelegenen Kinos erreichen.«

Das heißt aber nicht, dass Zeiss oder auch Asklepios andere Werbemöglichkeiten verteufeln. Vielmehr setzen die Unternehmen auf vielfältige Kommunikationskanäle, die potenzielle neue Mitarbeitende auf unterschiedlichen Wegen erreichen sollen.

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