Vor der Uniklinik wird ein Gerüst mit Platten aufgebaut, die herumfliegende Splitter abfangen sollen.
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Vor der Uniklinik wird ein Gerüst mit Platten aufgebaut, die herumfliegende Splitter abfangen sollen.

Bombensondierung

Gießen bereitet sich auf möglichen Bombenfund und Evakuierung vor - Details aus Kliniken

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Am Montag (23.08.21) wird rund um den Bahnhof der Atem angehalten. Sollte bei der Sondierung tatsächlich eine Bombe gefunden werden, droht der Stadt Gießen eine große Evakuierung. Besonders die beiden nahe gelegenen Krankenhäuser bereiten sich auf den »Worst Case« vor.

Gießen – Es ist der Abend des 6. Dezember 1944, als 250 britische Bomber die Stadt Gießen in Schutt und Asche legen. Walter Hahn ist zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt. »Wir wohnten damals in der Schottstraße. Alle Bewohner sind in Richtung Friedhof geflüchtet«, erinnert sich der heute 84-Jährige. Er wisse noch genau, wie er auf die Friedhofsmauer geklettert sei und die Stadt habe brennen sehen. »Es sah aus wie in einem Glutofen.« Hahn glaubt, auch Bomben gesehen zu haben, die über dem Bahnhofsareal abgeworfen wurden. Es ist nicht auszuschließen, dass eine dieser Bomben nicht detonierte - und seit 77 Jahren als Blindgänger unter der Erde liegt.

Die Stadt plant, auf dem Areal zwischen Neuer Post und den Gleisen eine Abstellanlage für rund 400 Fahrräder zu errichten. Bei einer ersten Untersuchung des Bodens wurden 16 sogenannte Anomalien festgestellt. Dabei kann es sich um alte Leitungen, Schrauben oder Stahlträger handeln, aber genauso gut um eine nicht detonierte Bombe. Am kommenden Montag und Dienstag wird eine Spezialfirma der Sache auf den Grund gehen. Sollten die Experten auf einen Blindgänger stoßen, schlägt die Stunde von Dieter Schwetzler und seinem Team vom Kampfmittelräumdienst des RP Darmstadt.

Gießen: Letzte Bombenentschärfung vor zwei Jahren

»Falls eine Bombe gefunden wird, werden wir umgehend benachrichtigt und schauen uns die Situation an. Danach wird ein Evakuierungsradius bestimmt«, sagt Schwetzler, der den Kampfmittelräumdienst leitet. Ob in einem Umkreis von 500 oder 1000 Metern geräumt werden muss, hänge von Gewicht und Tiefenlage der Bombe ab.

Bei der letzten Bombenentschärfung im US-Depot vor zwei Jahren hatten es die Experten mit einem 250-Kilogramm-Koloss der Wehrmacht zu tun, der womöglich per Notabwurf dort gelandet oder aber zuvor von den Alliierten »erobert« und dann abgeworfen worden war. Das sei aber eher selten, sagt Schwetzler. »Meistens handelt es sich um Bomben der Alliierten mit einem Gewicht zwischen 50 und 250 Kilo.« In der Vergangenheit sind in Gießen mehrfach Sprengkörper entschärft worden, eine musste zudem kontrolliert gesprengt werden.

Bombensondierung in Gießen: Entschärfung niemals Routine

Schwetzler hat weit über 100 Bomben entschärft. Von einem Standart-Einsatz will er bei einem möglichen Fund in der kommenden Woche aber nicht reden. »Routine ist es nie. Jeder Fund ist eine neue Herausforderung. Wir sagen unserem Team immer, dass sie jede Bombe so behandeln sollen, als sei es ihre erste.«

Für das Uniklinikum ist die anstehende Sondierung erst recht keine Routine. Sollte ein Blindgänger gefunden werden, wird das Haus am Tag der Entschärfung für einige Stunden den Regelbetrieb aussetzen und nur Notfälle versorgen. Auch die Ambulanzen würden dann ganz oder früher geschlossen. »Alle Zimmer, die einer Bombe zugewandt wären, müssten zudem geräumt werden«, fügt Pressesprecher Frank Steibli hinzu. Betroffen wären Augenklinik, der Neubau Chirurgie, die Kinderklinik, die Stationen 3.5, 3.6, 4.5 und 4.6 im Hauptgebäude, die Psychiatrie und die Psychosomatik.

Gießener Klinikum erhält eine Schutzwand als Vorsorge für einen möglichen Bombenfund

Verwaltungsmitarbeiter sollen zudem möglichst im Home Office arbeiten, das Personal darf Autos in den Parkhäusern P1 und P2 abstellen, obendrein müssten die Personalwohnheime in der Wilhelmstraße und in der Gaffkystraße für einige Stunden geräumt werden.

Gleichzeitig gibt es auch Sicherungsmaßnahmen außerhalb der Gebäude. So wurde am Freitag ein Gerüst mit einer Schutzwand aufgestellt, die herumfliegende Splitter abwehren soll. »Es wird sehr spannend, wir wissen nicht, was auf uns zukommt«, sagt Pressesprecher Steibli. Gleichzeitig sei aber die Erleichterung groß, dass eine Evakuierung des Krankenhauses, was anfangs noch als sichere Folge eines Fundes galt, vom Tisch ist.

Evakuierung des St. Josefs Krankenhaus bei Bombensondierung in Gießen weiter möglich

Für das St. Josefs Krankenhaus Balserische Stiftung gilt das nicht, da es näher am Fundort liegt. Es könnte daher sein, dass Teile des Hauses geräumt werden müssen, sagt Pressesprecherin Annina Müller. Das Krankenhaus bereite sich daher »seit mehreren Wochen in enger Abstimmung mit dem Ordnungsamt, dem Kampfmittelräumdienst und dem UKGM« auf eine Evakuierung vor.

»Zum jetzigen Zeitpunkt können wir sagen: Die Intensivstation wird von der Evakuierung nicht betroffen sein und läuft uneingeschränkt weiter. Vorsorglich werden wir die Belegung in den kommenden Tagen reduzieren.« Eine Evakuierung von Patienten in innengelegene Bereiche werde derzeit geprüft, sagt Sprecherin Müller und betont: »Parallel bereiten wir uns darauf vor, die im Haus befindlichen Patienten, sofern sie nicht entlassen oder intern evakuiert werden können, vorübergehend in andere Krankenhäuser zu verlegen.«

Ob es dazu kommen muss, wird nächste Woche feststehen. Dann wird sich zeigen, ob eine Bombe, die vor 77 Jahren für Angst und Schrecken sorgte, noch immer unter dem Asphalt schlummert.

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