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Marion Poschmann.

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Von Raben und Rhododendren

  • Marion Schwarzmann
    VonMarion Schwarzmann
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Wie lebendig eine Online-Lesung gestaltet werden kann, das bewies am Sonntagabend das Literarische Zentrum Gießen. Marion Poschmann ließ zu ihren »Rabenbetrachtungen« nicht nur die passenden Zeichnungen von Otto Ubbelohde einblenden. Es gab auch eine Live-Schaltung in sein ehemaliges Wohnhaus bei Marburg, in dem der Text der Autorin entstand.

Rund 200 Veranstaltungen bot in diesem Jahr der hessenweite »Tag für die Literatur und die Musik«. Allein 84 Gäste konnte Erika Schellenberger vor Ort im Garten des Marburger Malers Otto Ubbelohde (1867-1922) in Goßfelden begrüßen, wo die augenblickliche Stipendiatin Sandra Burkhardt einen Einblick in ihr Schaffen gewährte. Seit 2019 ermöglicht der Verein »Zwei Raben«, deren Vorsitzende Schellenberger ist, Literaten einen dreimonatigen Aufenthalt im idyllisch gelegenen Wohn- und Atelierhaus Ubbelohdes.

Marion Poschmann war die Erste, die in den Genuss dieser inspirierenden Räume kam. Aus Berlin zugeschaltet erinnerte sie sich noch gut an das zweigeteilte Künstlerhaus und die langen Spaziergänge in der herbstlichen Natur. Sie sammelte Pilze und stellte aus den zerfallenden Tintlingen ihre eigene dunkle Tinte her. »Davon habe ich noch eine Menge in Berlin«, berichtet sie beglückt lächelnd. Und hält später noch ein weiteres Schreibgerät - einen Bleistift der Marke Intimus - in die Kamera, das sie von Ubbelohde übernommen hat. Dieser hatte an einem Plakatwettbewerb für die Firma Faber teilgenommen. Doch sein Entwurf - ein Rabe bringt stolz einen schwarzen Bleistift im Schnabel ins Nest seiner beiden Jungen - war allerdings nicht von Erfolg gekrönt.

Ein Fries mit zwölf fliegenden Raben im Atelier des oberhessischen Malers regt die Dichterin schließlich zu ihren »Rabenbetrachtungen« an, die sie gut 20 Minuten lang mit angenehmem Timbre vorträgt. Poschmann hat Mut zu Zäsuren, sie denkt das, was sie liest.

Verdichtung der Sprache

In mehrere kurze Kapitel unterteilt, beleuchtet sie den schwarzen Vogel als Symbol in Märchen und seine Bedeutung für die Menschen. »Raben sind Tiere von außergewöhnlicher Intelligenz«, behauptet sie. Sie verstecken ihr Futter gut, was ihnen jedoch den Ruf der Listigkeit eingebracht hat. Das typische Hexentier gilt als Vorbote für den Tod, das Unglück und den Niedergang, sodass der Kolkrabe 1940 weitgehend ausgerottet war.

Poschmann taucht tief ein in die Märchenliteratur, schließlich ist Ubbelohde berühmt für diese Art der Illustrationen. Doch der Dichterin geht es auch um die Bedeutung der Farbe Schwarz und um das Thema Dunkelheit. Wie ein Leitfaden zieht sich ihre Frage »Was können wir sehen und wissen?« durch ihre zarten Verse, die sie in ihrem jüngsten Band »Nimbus« bei Suhrkamp veröffentlicht hat und die sie im zweiten Teil ihrer facettenreichen Lesung rezitiert. »Eine große Verdichtung von Sprache«, findet LZG-Moderator Kai Bremer - per Webex aus Osnabrück zugeschaltet. Kenntnisreich erläutert er das Muster der Poschmannschen Gedichte, die sie gern in Form von acht Zweizeilern anlegt.

Im logischen Anschluss an die Raben handeln die ausgewählten Verse ebenfalls von Tieren: Krähen, Schafe, Dachse und der Isegrim, aber auch die Stellersche Seekuh aus Sibirien, die heute ausgestorben ist. Für die Zugabe hat sich die vielfach ausgezeichnete Lyrikerin jedoch etwas Humorvolles aufgehoben. In »Pfauenschreie, Pflanzenjäger« träumen die beiden Tanten Wilma und Gertrud sehnsüchtig davon, dass endlich einmal eine Rhododendronzüchtung nach ihnen benannt wird.

Pünktlich zur Lesung ist im Heidelberger Verlag Das Wunderhorn unter dem Titel »Rabenbetrachtungen - Notizen aus dem Ubbelohde-Haus« ein 48-seitiger, illustrierter Band erschienen. Darin haben die Herausgeberinnen Erika Schellenberger und Gabriela Ociepa Texte der Stipendiaten Marion Poschmann, Christoph Peters und Marcus Braun mit Bildern des Malers Otto Ubbelohde kombiniert. Zur sonntäglichen Veranstaltung in Goßfelden hat es das druckfrische Werk zwar nicht mehr rechtzeitig geschafft, es ist jedoch ab sofort für 18 Euro im Buchhandel erhältlich.

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