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Mord verjährt nicht

Von Namen, Gesichtern und Gruselstorys: Berichterstattung über Gewalttaten im Wandel.

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Über Straftaten zu informieren, ist eine der Aufgaben von Medien. Wie Journalisten aber zum Beispiel über Tötungsdelikte berichten, hat sich im Laufe der Jahre deutlich verändert.

Der Mord an Friedhelm J. aus dem Jahr 1971 ist bis heute nicht geklärt. Der Mann war in einer Toilettenanlage am Oswaldsgarten ermordet worden. Die Brutalität, mit der der Täter vorging, sucht ihresgleichen. Wer sich heute die damalige Berichterstattung über den Fall ansieht, muss stutzen: Da wird das Passbild des Opfers abgedruckt, außerdem das Foto einer Frau, die ihn an jenem Abend begleitet haben soll. Es ist eine Fotografie der Kriminalpolizei, die sie mit der Kleidung zeigt, die sie an jenem Abend getragen hatte - natürlich alles unverpixelt. Heute kennt man so ein Vorgehen von manchen Boulevardmedien, die die Story über die Würde von Menschen stellen. Es zeigt aber auch: Wie seriöse Medien über Verbrechen informieren, hat sich verändert. Was früher gang und gäbe war, ist heute undenkbar. »Die Frage der Berichterstattung über Kriminalfälle unterliegt dem Zeitgeist«, betont Roman Portack, Geschäftsführer des Deutschen Presserats mit Sitz in Berlin.

Wer sich heute mit den Regeln der Berichterstattung beschäftigt, kommt am Pressekodex des Deutschen Presserats nicht vorbei. Die meisten deutschen Verlage bekennen sich dazu, diese Richtlinie zu achten. Er legt ethische Standards für die journalistische Arbeit fest. Es geht in 16 Ziffern unter anderem um die Achtung der Menschenwürde, den Opferschutz sowie die Regeln für die Berichterstattung über Gewalttaten.

Immer wieder kommt es dazu, dass der Pressekodex geändert wird. Anstoß sind oft Hinweise der Beschwerdeausschüsse des Presserats: Wenn diese zum Beispiel feststellen, dass Inhalte in der Richtlinie fehlen oder diese nicht mehr zeitgemäß ist. Ein Beispiel ist die Ziffer 8 des Kodex, in der es um den Schutz der Persönlichkeit geht. Zuletzt geändert wurde diese Ziffer vor vier Jahren, davor im Jahr 2013.

Thema ist dort ganz konkret die Kriminalberichterstattung. Dass es diese geben muss, ist klar. Denn es besteht ein demokratisch begründetes öffentliches Interesse daran, über Straftaten sowie Ermittlungs- und Gerichtsverfahren zu berichten. Zum einen garantiert die Öffentlichkeit eine gewisse Kontrolle des Ablaufs eines Gerichtsverfahrens. Zum anderen sollen gesellschaftliche Verfehlungen sichtbar gemacht werden.

Im Kodex heißt es, die Presse veröffentlicht »Namen, Fotos und andere Angaben, durch die Verdächtige oder Täter identifizierbar werden könnten, nur dann, wenn das berechtigte Interesse der Öffentlichkeit im Einzelfall die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegt«. Als Beispiel nennt Portack den herbeigeführten Absturz der Germanwings-Maschine oder einen Terroranschlag - also Taten, die in ihrer Intensität und Schwere bedeutsam sind. Auch komme es auf die Funktion des Täters an. Ein Polizeipräsident sei anders zu behandeln als ein »Kaugummiautomatenknacker«, betont der Geschäftsführer des Presserats.

Selbstverständlich ist eine Namensnennung sowie die Veröffentlichung eines Fotos auch bei Fahndungsersuchen der Ermittlungsbehörden möglich. Gibt es jedoch Anzeichen, dass ein Verdächtiger schuldunfähig sein könnte - beispielsweise wegen einer psychischen Erkrankung - rät die Richtlinie von einer identifizierenden Berichterstattung ab. Dass mögliche Zeugen wie im Fall J. 1971 in der Presse klar zu erkennen sind, ist heute nicht mit dem Kodex vereinbar, betont Portack.

Im Gegensatz zu einem Straftäter, der das Recht gebrochen hat und damit mit einer personalisierten Berichterstattung leben muss, müssen Opfer und Angehörige unbedingt geschützt werden. Deswegen, nennt Portack den Abschnitt zum Thema Opferschutz »das Herzstück« des Pressekodex. Denn laut Richtlinie ist für das Verständnis einer Straftat »das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich« - es sei denn, diese Personen stimmen einer Veröffentlichung zu. Nicht identifizierbar sein dürfen Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre.

Wie unterschiedlich Journalisten früher und heute über Gewalttaten berichten, zeigt ein Mordfall aus dem Jahr 1950. Ein Redakteur der Gießener Freien Presse überschreibt ein Jahr nach der Tötung einer 59 Jahre alten Frau seinen Artikel mit »Ist der Raubmörder unter uns?« Er selbst bezeichnet ihn als »Tatsachenbericht«, aber der Text ähnelt mehr einem Kriminalroman. Ein Beispiel gefällig? »Der diensttuende Beamte der Kriminalwache schrickt zusammen. Laut schrillt das Telefon durch die sonntägliche Stille jener unscheinbaren grauen Holzbaracke im Hof der Zeughauskaserne. Der Beamte nimmt den Hörer ab und schon greift er zu Bleistift und Wachbuch. ›Donnerwetter‹, entfährt es ihm unwillkürlich. Denn was jener Forstassistent am anderen Ende der Leitung zu berichten weiß, ist dazu angetan, selbst einen im Dienste ergrauten Beamten zu fieberhaftem Handeln zu veranlassen: Dicht beim ehemaligen Schießstand der Schützengesellschaft im Unterholz eines Waldstücks ist eine weibliche Leiche gefunden worden.« Man wird sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn man bezweifelt, dass der Redakteur in diesem Moment neben dem Polizisten saß.

Solche Gruselgeschichten würden heute von seriösen Medien nicht abgedruckt. Sie seien auch mit dem Pressekodex nicht vereinbar, betont Portack. Dort heißt es unter dem Punkt »Sensationsberichterstattung«: »Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid.« Zentral ist der Hinweis, dass Medien über Gewalttaten »unabhängig und authentisch« berichten, aber sich nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen lassen. Wie schmal der Grad ist, hat man bei den rechtsradikalen Terrorangriffen von Christchurch und Halle gesehen: Dort streamten die Mörder ihre Taten live im Internet - und einige Medien zeigten diese Bilder. »Solche Taten dürfen kein Propagandaerfolg für die Täter werden«, betont der Geschäftsführer des Presserats.

Dass sogenannte True-Crime-Formate, in denen wahre Verbrechen erneut aufgerollt werden, auf Interesse stoßen, ist kein neues Phänomen. Man denke nur an den jahrzehntelangen Erfolg der TV-Sendung »Aktenzeichen XY«. Für Portack ist klar, dass solche Artikel, Podcasts oder Fernsehbeiträge vom Grundsatz her nicht gegen den Pressekodex verstoßen. Beschwerden gingen nur wenige ein, und dann von Tätern, die sich in der Berichterstattung wiedererkannt haben. Denn wenn sie ihre Strafe verbüßt haben, sollten Medien mit Blick auf die Resozialisierung der Täter in der Regel ihren Namen oder Fotos von ihnen nicht veröffentlichen.

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