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Graue Tristesse an der Kreuzung.

Von Erhabenheit keine Spur

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Vom soeben ver- und begangenen Tag der Deutschen Einheit inspiriert, fällt der Blick auf den »Platz der Deutschen Einheit«. Er ist ernüchternd. Angesichts des Namens stellt man sich etwas Großes vor, vielleicht sogar etwas Feierliches, ganz bestimmt aber eine Stätte der Begegnung. Doch der Platz ist nicht mal ein Platz, sondern eine Kreuzung. Moltkestraße, Ostanlage, Wiesenstraße.

Mittendrauf steht man, um von einer auf die andere Straßenseite zu kommen. Der Ort hat nichts Geschichtsträchtiges, von Erhabenheit keine Spur.

Es ist laut. Immer wenn die Ampeln auf grün springen, lärmen die Motoren und übertönen fast die Maschinen der Bauarbeiter. Auf dem Blecher-Grundstück, wo früher die »Worscht-Anna« hungrige Mäuler stopfte, entsteht gerade ein großer Neubau; die Handwerker fahren mit einem Aufzug an der eingerüsteten Fassade hoch und wieder herunter, was genau sie da machen, ist nicht zu erkennen. »Glöckle. Das steht fest«, prangt auf den Schildern des Bauunternehmens. Alles andere wäre auch ein Grund zur Beunruhigung. Gegenüber auf dem Gelände der THM ist es kurz vor Semesterbeginn ruhig, die Holztische vor der Mensa sind verwaist. Aber es wäre ohnehin zu ungemütlich für ein Mittagessen im Freien. Eine kleine Gruppe Studierender steht vor dem Gebäude und diskutiert über attraktive Nebenjobs. »Du hast jetzt voll die Auswahl«, sagt eine junge Frau, »überall werden Leute gesucht«. Nebenan auf dem Schwarzen Brett kann man eine weitere Realität bestaunen: »Wohnung in Wieseck zu vermieten. 1050 Euro«. Aus Richtung Berliner Platz kommt ein Notarztwagen. Mit Blaulicht rast die Besatzung auf dem Anlagenring Richtung Marburger Straße. Wie immer bei diesem Anblick fragt man sich, was für eine Geschichte dahinter steckt. Hoffentlich sind die Retter rechtzeitig vor Ort.

Der Wind treibt Blätter vor sich her, vom goldenen Oktober ist Anfang der Woche ebenso wenig zu spüren wie vom Mantel der Geschichte. »Herzlich willkommen« steht auf einem Schild der THM, darunter kann man sich einen Innenstadtplan samt Campus anschauen. Der Standort ist mit einem roten Punkt markiert. Dort steht es zum Glück auch noch mal. »Platz der Deutschen Einheit«. (cg)

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