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Mit Maske, Abstand und Spuckschutz: Der Wahlhelfer Jakob Handrack (l.) gibt den Weg frei zur Wahlurne in der Kongresshalle.

Vom Pflichtgefühl, wählen zu gehen

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Der Wahlkampf war unter Corona-Bedingungen ein anderer. Doch am Sonntag scheint in den Wahllokalen vieles den gewohnten Gang zu gehen. Wären da nicht die auffällig vielen jungen Helfer, die Masken oder die provisorischen Spuckschutzwände.

Sonntag, 15.23 Uhr. Vor der Turnhalle der Brüder-Grimm-Schule in Kleinlinden hat sich eine kleine Schlange gebildet. Mit Abstand und Masken warten etwa zehn Menschen darauf, ihre Stimmen für die Kommunalwahl abzugeben: Stadtparlament, Kreistag und Ortsbeiräte werden neu zusammengesetzt. Merle Grumbach hat ihre Kreuzchen bereits gemacht. Dass sie trotz der Pandemie persönlich zur Stimmabgabe geht, ist für sie selbstverständlich. Es sei ihre Pflicht, eine demokratische Partei wählen zu gehen. »Es gibt doch keinen Grund, es nicht zu tun.« Dann schiebt sie mit einem Schulterzucken hinterher: »Man geht schließlich auch einkaufen.«

Der Kommunalwahlkampf unter Corona-Bedingungen war schon irgendwie merkwürdig: Kein Standslalom am Wochenende auf dem Seltersweg, bei dem Passanten Gespräche mit den Kandidaten führen oder Infobroschüren in die Hand gedrückt bekommen - und die Kinder Luftballons mit den Parteilogos abstauben. Stattdessen rangen Parteien und Wählergruppen vor allem digital um Aufmerksamkeit. Auffällig vor allem die vielen gesponserten Beiträge in den Sozialen Medien. Facebook und Co. werden sich in den vergangenen Wochen wohl die Hände gerieben haben.

Der kaum vorhandene direkte Kontakt zwischen Parteien, Wählergruppen und Wählern scheint aber nicht dafür gesorgt zu haben, dass die Wahlbeteiligung einbricht. 21 000 Menschen hatten bis Freitag ihre Briefwahlunterlagen abgegeben. In den Wahllokalen scheint dem ersten Anschein nach ganz normaler Kommunalwahlbetrieb zu herrschen. Zum Beispiel in der Kongresshalle. Hier steht Jakob Handrack und macht mit einem Handgriff den Weg für den Wahlzettel frei, bevor er in die Wahlurne purzeln kann. »Es gibt kaum einen Unterschied zu den vergangenen Wahlen«, sagt der ehrenamtliche Helfer über den Andrang vor Ort. »Nur das Drumherum ist ein bisschen anders.« Sprich: Es gibt provisorische Spuckschutzwände, alle tragen Masken und halten Abstand. Nachdem eine Frau ihre Kreuzchen hinter einer zum Sichtschutz umfunktionierten Pappkiste gemacht hat, flitzt eine junge Frau mit blauen Einweghandschuhen, Desinfektionsmittel und Tüchern bewaffnet zu dem Tisch und wischt die Platte und die Stuhllehnen ab.

Generell fällt auf, dass sich am Sonntag jede Menge junge Menschen ehrenamtlich engagieren. »Viele sind zum ersten Mal dabei«, sagt Handrack. Eine Ehrenamtliche - sie ist in den Vierzigern - erzählt: Manche Ältere, die sonst immer in den Wahllokalen oder bei der Auszählung geholfen hätten, wären zur Sicherheit oder aus Sorge um ihre Gesundheit zu Hause geblieben.

Um Punkt 14.30 Uhr versammelt Ludwig Wiemer in der gegenüberliegenden Ecke im großen Saal der Kongresshalle zehn Helfer um sich herum und gibt erste Anweisungen. Der Briefwahlvorsteher für den Bezirk 90004 weist die Auszähler noch einmal darauf hin, dass ihnen Schnelltests und FFP-2-Masken zu Verfügung stehen. Einige sagen, sie hätten sich bereits am Abend zuvor getestet.

Viele junge Wahlhelfer

Um 14.43 Uhr öffnet Wiemer das Siegel der großen Briefwahlurne und lässt die vielen braunen Umschläge auf die zusammengerückten Tische gleiten. Die graue Tonne ist proppevoll. Es braucht viel Kraft, um sie hochzustemmen und umzukippen. »Das ist schon extrem in diesem Jahr mit der Briefwahl«, sagt deshalb auch Volker Schwenzfeier, Wahlvorsteher für den Bezirk 90003. Dennoch sieht er die Helfer im großen Saal der Kongresshalle gut aufgestellt. »Wir haben alles, was wir brauchen«, sagt er, »vor allem Abstand, Abstand, Abstand.«

Zurück in Kleinlinden vor der BGS-Turnhalle. Sigrid Hämel-Kraft hat gewählt - selbstverständlich. »Ich fühle mich nicht unsicher«, sagt sie. »Hier läuft alles einfach und entspannt ab.« Bevor sie geht, sagt sie: »Wir müssen schließlich mit dem Virus leben.« Als sie außer Reichweite ist, reihen sich drei Frauen in der Schlange ein. Eine von ihnen ist über 80 Jahre alt. Sie sitzt im Rollstuhl. In ihrer Hand: die Wahlbenachrichtigung.

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