Verkehrsknoten Gießen: In den 1950er Jahren bildeten sich oft lange Staus in der Stadt, nicht nur vor dem Bahnübergang Frankfurter Straße.
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Verkehrsknoten Gießen: In den 1950er Jahren bildeten sich oft lange Staus in der Stadt, nicht nur vor dem Bahnübergang Frankfurter Straße.

75 Jahre GAZ

E-Klo bis Autobahnring: Vom historischen Versuch, den Verkehrsknoten Gießen zu entheddern

  • Karen Werner
    VonKaren Werner
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So richtig „autogerecht“ ist Gießen nie geworden. Zum Glück, meinen die meisten heute beim Blick auf die Planungen aus den 1960er Jahren. Ein Projekt jedoch wurde gebaut: Der Gießener Autobahnring bewahrt die Innenstadt vor noch mehr Staus.

Gießen – Fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn. Der Hit der Band Kraftwerk ist zwei Jahre jung, als für die Gießener der Traum vom kreuzungsfreien Umrunden ihrer Stadt Wirklichkeit wird. Im November 1975 jubelt die GAZ: »Der Gießener Ring ist ein markantes Beispiel, wie notwendige Straßen in ausgewogener Synthese zwischen Landschaft und Technik in einem stadtnahen Gebiet gebaut werden können.« Vier Jahre später ist der Autobahnring komplett - der einzige seiner Art um eine bundesdeutsche Mittelstadt. Weitergehende Pläne für ein »autogerechtes« Gießen sind indes bis heute nicht verwirklicht.

Bei der ersten Eröffnung 1975 fehlt noch die »Südspange« bei Kleinlinden. Imposante Zahlen nennt die GAZ: Für gut 22 Kilometer Autobahn wurden fünf Millionen Kubikmeter Erde bewegt und 47 Brücken errichtet. 280 Hektar Grünflächen, davon 45 Hektar Wald, wurden »benötigt«, 1,1 Millionen Bäume und Sträucher neu angepflanzt. Die Kosten liegen bis dato bei 178 Millionen D-Mark - am Ende summieren sie sich auf 320 Mio. Eigentlich ist die Komplettierung bis 1977 geplant. Dass sie vier Jahre dauern wird, liegt vor allem an Finanzierungsproblemen. Doch auch eine politische Diskussion kommt allmählich in Gang.

Historischer Rückblick: Vierspurig durch die Gießener Wieseckaue

Zwar ist unbestritten, dass die Innenstadt - trotz aus heutiger Sicht überschaubaren Fahrzeugmengen - vor dem Verkehrsinfarkt steht. Bis zum Bau des Gießener Rings fließt der Fernverkehr auf den Bundesstraßen 3 und 49 mitten durchs Zentrum. Fließt? Nein, meistens staut er sich, nicht nur vor den Bahnübergängen. Ein weiteres Argument für den Bau: Gießen ist einer der größten Militärstandorte Westeuropas. Andererseits wächst allmählich ein ökologisches Bewusstsein. Während der Ring entsteht, wird Kritik laut an der Beeinträchtigung der Naturschutzgebiete Hangelstein und Bergwerkswald sowie an der Lärmbelastung der Anwohner.

Wo seit 1968 das „Elefantenklo“ steht, befand sich einst ein Kreisverkehr.

Solche Proteste werden fortan heftiger, und die Stadt gibt andere Bestandteile des »Generalverkehrsplans« aus dem Jahr 1967 letztlich auf. Zum Beispiel die Hochstraße, die den Bahnübergang Frankfurter Straße überspannen soll und kurz vor dem Baubeginn 1977 scheitert. Zunächst eine Bürgerinitiative, dann auch die CDU erreichen, dass kein Beton-Ungetüm über die Alicenstraße hinweg bis zur Kreuzung Südanlage/Bleichstraße führt. Eigentlich gab es andere, verträglichere Ideen wie eine kleine geschwungene Brücke, die zunächst als zu kurvig galt - sie werden nicht wieder belebt. Bis heute üben die Gießener ihre Geduld beim Warten vor Schranken.

Gießen im 20. Jahrhundert: Fußgänger und Radler stören nur

Weil das Umweltbewusstsein größer und das Geld knapper wird, scheitert auch eine Art mittlerer Ring durch die Peripherie der Innenstadt. An einigen Stellen hat die Planung Spuren hinterlassen. Dieser Hintergrund erklärt etwa die extrabreite Ludwig-Richter-Straße, den fehlenden Ringanschluss der Sudetenlandstraße oder die umständliche Auffahrt Ursulum. Dort sollte eigentlich die »Nordtangente« münden, eine Schnellstraße mitten durch die Wieseckaue.

Mit dem Bau des Gießener Rings stieg die Lärmbelastung vielerorts, etwa am Eichendorffring.

Vom Radverkehr ist im Plan von 1967 nur am Rande die Rede: »Im modischen Blick auf den Ausbau von Fahrradwegen darf nicht vergessen werden, die Parkraumsituation, die bereits schlecht genug ist, zu verbessern.« Auch Fußgänger sind Störfaktoren außer in »ihrer« neuen Einkaufszone im unmittelbaren Zentrum. Dorthin gelangen sollen sie - wenn sie nicht mit dem Auto ein Parkhaus am Anlagenring ansteuern - durch Unter- oder Überführungen.

Ein GAZ-Redakteur belehrt Skeptiker in der Rubrik »Guten Morgen, liebe Leser« im Mai 1968: »Ohne Unterführungen wird es bei dem ständig wachsenden motorisierten Verkehr künftig kaum noch gehen. Die Fußgänger müssen sich damit abfinden, wenn es ihnen auch nicht immer in den Kram paßt. (...) Mit Lichtmännchen an Ampelanlagen ist es schon längst nicht mehr getan.« Anlass seiner Mahnung ist der Beginn der Bauarbeiten für einen Tunnel unter der Südanlage hindurch an der Goethestraße. Die ersten Gräben werden allerdings nach wenigen Wochen wieder zugeschüttet. Dies aber nur, weil die Stadt kurzerhand die Straßenseite gewechselt und die Johannesgemeinde das Verwaltungsgericht eingeschaltet hat.

Zwei andere Unterführungen werden verwirklicht: Am Berliner Platz (aufgegeben 2016) und an der Ostanlage (zugeschüttet 2013). Nur ein Relikt zeigt Durchhaltevermögen: Die Fußgängerbrücke Selterstor. Als »Elefantenklo« hat sie sich in viele Herzen geschlichen, andere sehnen den Abriss herbei. Ihren Ring sehen die meisten Gießener nüchterner. Er ist ein wichtiger Standortfaktor für ansiedlungswillige Unternehmen - und erfüllt seinen Zweck im Alltag.

Historischer Rückblick zu 75 Jahren GAZ

75 Jahre Gießener Allgemeine Zeitung (GAZ) ist ein Grund, zurückzuschauen auf das, was war, auf Themen und Ereignisse, die Schlagzeilen machten. Wir erinnern an 75 Jahre Geschichte in Stadt und Kreis Gießen, in der Region, in Deutschland und der Welt.

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