1. Gießener Allgemeine
  2. Gießen

Vom Adler bis zum Kolibri

Erstellt:

Von: Christoph Hoffmann

Kommentare

chh_vogel_280722_4c_2
Prof. Volker Wissemann freut sich über die Sammlung hochwertiger Präparate, die die Hermann-Hoffmann-Akademie der Justus-Liebig-Universität von der Vogelschutzwarte übernehmen konnte. © Romulo Olivera Da Silva

Die Hermann-Hoffmann-Akademie erinnert mehr und mehr an ein kleines Senckenbergmuseum. Nach Pottwal und Wolf hat der Leiter Prof. Volker Wissemann nun 600 ausgestopfte Vögel willkommen geheißen. Die Tiere ergänzen bestehende Sammlungen und sollen nicht nur der Lehre, sondern auch der Forschung dienen.

Ein imposanter Adler thront auf der Vitrine. Seine Schwingen sind ausgebreitet, die Krallen haben sich in einen Hasen gebohrt. »Der stammt aus Griechenland«, sagt Prof. Volker Wissemann, der wissenschaftliche Leiter der Hermann-Hoffmann-Akademie, beim Anblick des ausgestopften Vogels. Ein Soldat habe das Tier einst aus dem Gebirge mitgebracht und mit zu sich nach Deutschland geholt, wo der Adler 50 Jahre lang gelebt habe und erst in den 1990er Jahren verstorben sei. Aus artenschutzrechtlichen Gründen ist solch ein Vorgehen in der heutigen Zeit strengstens verboten. Für die Hermann-Hoffmann-Akademie war der Fang des Soldaten dennoch ein Glücksfall. Schließlich gehört das ausgestopfte Tier zu den beeindruckendsten Exemplaren der Vogelsammlung, die neuerdings in der Einrichtung der Justus-Liebig-Universität angesiedelt ist.

Rund 600 Vögel umfasst die Sammlung, die zuvor der Vogelschutzwarte in Frankfurt gehörte. Als die Einrichtung kürzlich nach Gießen zog, mussten die Verantwortlichen aus Platzmangel ein neues Zuhause für die präparierten Tiere suchen. »Die Justus-Liebig-Universität hat dankend angenommen«, sagt Wissemann und betont, dass es sich um hochwertige wissenschaftliche Präparate handle, die allesamt mit Papieren dokumentiert worden sind.

Dadurch weiß das Team der Hermann-Hoffmann-Akademie zum Beispiel, dass der Seeadler, der im zweiten Stock in einer Vitrine ausgestellt ist, einst zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz getauscht worden ist. »Rheinland-Pfalz hat dafür einen Schwarzstorch erhalten«, sagt Wissemann. Seinerzeit habe es in Hessens Nachbarland lediglich sieben Brutpaare des Adlers gegeben, weshalb man den Lebensweg des ausgestopften Tieres von Anfang bis Ende nachverfolgen könne. »Heutzutage hat sich die Population glücklicherweise erholt.«

Zu der Sammlung gehören auch Störche, Schwäne, Enten, Schleiereulen samt Küken, ein großer Gänsegeier, natürlich auch Amsel, Drossel, Fink und Star.

Die Sammlung enthält aber auch Vögel, die nicht in Deutschland heimisch sind. »Wir haben auch zwei Kolibris«, sagt Wissemann. »So weit ist die Klimaerwärmung dann noch nicht fortgeschritten, dass sich diese Vögel hier wohlfühlen würden.«

Tausche Adler gegen Storch

Die neuen Präparate, zu denen auch Sammlungen von Eiern, Federn und Nestern gehören, haben für die Hermann-Hoffmann-Akademie vor allem mit Blick auf die Lehre einen hohen Wert. So könnten Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden anhand der Sammlung Artenkenntnisse vermittelt werden. Außerdem lasse sich etwa über Bedrohung und Verbreitung bestimmter Arten anschaulicher diskutieren, wenn das Tier dabei besichtigt werden könne.

»Die Präparate können aber auch zum Beispiel für Jagdprüfungen genutzt werden, in denen die Teilnehmer bestimmte Raubvögel erkennen müssen«, sagt Wissemann. Und auch wenn die Präparate teils viele Jahre alt sind, können sie noch immer einen wichtigen Beitrag zur Forschung leisten, sagt Wissemann. »Aus der Haut kann man DNA gewinnen, mit der man zum Beispiel die Verwandtschaft von Arten untersuchen kann.«

Durch die 600 neuen Präparate hat sich die Vogelsammlung der JLU auf einen Schlag mehr als verdoppelt. Durch die Sammlung des Tierarztes Dr. Goy, der seit seiner Kindheit Vögel präpariert hatte, und weitere Tiere schätzt Wissemann den Bestand auf über 1000 Exemplare. Doch dabei soll es nicht bleiben. »Wir wollen die Sammlung nicht nur pflegen, sondern erweitern, damit wir alle Vogelarten, die jemals in Hessen lebten, bei uns haben.«

Welch besondere Exemplare dazu gehören, sollen auch bald die Bürger der Stadt bestaunen können. Die Herrmann-Hoffmann-Akademie will in Zukunft zumindest Teile der Sammlung öffentlich ausstellen.

Auch interessant

Kommentare