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Joseph Nolan beeindruckte mit bestechender Präzision in der Bonifatiuskirche.

Vollkommener Feinschliff

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Gießen (jou). Viele vorzügliche Organisten spielten bereits an der Eule-Orgel in der Bonifatiuskirche. Wenn aber ein international renommierter Musiker vom anderen Ende der Welt im Rahmen seiner Europatournee dort Station macht, verdient dies besondere Beachtung. Joseph Nolan aus dem aus-tralischen Perth widmete sich beim Mittwochskonzert Kompositionen, in denen der Variationsgedanke zentral ist. Seine hochrangigen Interpretationen erwiesen sich ganz klar als ein kirchenmusikalischer Höhepunkt des Jahres.

In feierlich-ruhiger Bewegung bot Nolan eingangs die Passacaglia c-Moll BWV 582 von Johann Sebastian Bach dar. Über der ostinaten Basslinie verströmten die Variationen bedächtig-ernste Stimmung. Der Organist lotete gekonnt die Tiefen der Musik aus und bewies untrügliches Gespür für Kontraste in Registrierung und Dynamik - von dezenten Figurationen bis hin zu klanggewaltigen Spitzen. Dabei hielt er allen Verlockungen stand, zu eilen.

Bestechende Präzision in puncto Tempogestaltung kennzeichnete auch seinen Vortrag bei der Sonate Nr. 6 d-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Variationen über den Choral "Vater unser im Himmelreich" gaben der bereits in der Passacaglia latenten spirituellen Sphäre expliziten Charakter, sie erinnerten mitunter an ein intimes Gebet. Wie Nolan durch leichte Verzögerungen für organischen musikalischen Fluss sorgte, faszinierte stark. Da offenbarte jeder Takt vollkommenen Feinschliff, überdies zeigten sich immer neue Schattierungen.

Nolan ist vor allem bekannt für seine Gesamtaufnahme der Orgelwerke Charles-Marie Widors. Im letzten Konzertteil demonstrierte er mit seiner frappierend lebendigen Interpretation von dessen Symphonie Nr. 5 erneut großes Können. Zu loben ist etwa, mit welch feinem Instinkt er im Allegro-Kopfsatz das orchestrale Gefüge schichtete - er bediente sich derart versiert einer breiten Farbpalette und meisterte Themeneinsätze wie Übergänge so elegant, als wäre ihm das Instrument auf den Leib geschnitten. Den krönenden Abschluss bildete die rauschhafte Toccata. Für den kräftigen Beifall der zahlreichen Besucher dankte Nolan mit einer Zugabe. (Foto: jou)

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