Volkskunst und Kunstgeschichte

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Gießen (dkl). Die Sonderausstellung zum hessischen Maler Ernst Eimer im Alten Schloss bietet im Rahmenprogramm auch Vorträge. Der erste war am Dienstagabend im Netanya-Saal zu erleben. Prof. Sigrid Ruby vom JLU-Institut für Kunstgeschichte referierte über das Thema "Beziehungsgeschichten: Volkskunst und Kunstgeschichte". Zahlreiche Besucher nutzten die Gelegenheit, vorab die Ausstellung zu besuchen.

Gießen (dkl). Die Sonderausstellung zum hessischen Maler Ernst Eimer im Alten Schloss bietet im Rahmenprogramm auch Vorträge. Der erste war am Dienstagabend im Netanya-Saal zu erleben. Prof. Sigrid Ruby vom JLU-Institut für Kunstgeschichte referierte über das Thema "Beziehungsgeschichten: Volkskunst und Kunstgeschichte". Zahlreiche Besucher nutzten die Gelegenheit, vorab die Ausstellung zu besuchen.

Museumsleiterin Sabine Philipp stellte die Referentin vor, die in München, Wien und Saarbrücken lehrte und seit dem vergangenen Wintersemester die Professur für Kunstgeschichte mit dem Schwerpunkt Neuere und Neueste Kunstgeschichte an der Universität Gießen innehat. Außerdem berichtete Philipp, dass sie sich vom Studium kennen und im vergangenen November bei einer Tagung in Saarbrücken wiedertrafen. Die Tagung hatte Ruby dort noch organisiert, sie stand unter dem Thema: "Heimat zwischen Kitsch und Utopie". Naheliegend also, dass Ruby für die Ernst-Eimer-Ausstellung in Gießen, die unter dem Überbegriff Heimat steht, zu einem Vortrag geladen wurde.

Die Referentin breitete ein Panorama der Zeit aus, in der Eimer gewirkt hat und erklärte darüber auch den Erfolg seiner Malerei. Sie näherte sich der damals populären "Volkskunst" über den Erfinder dieses Begriffs, den österreichischen Kunsthistoriker Alois Riegl. Er definierte Volkskunst als Produktion in Handarbeit und für den eigenen Gebrauch, in der Tradition einer Gruppe oder Region stehend. Internationale Kunst entstehe dort, wo Kulturen aufeinandertreffen, erst dort könne sich Neues entwickeln. "Eine interessante Definition, auch im Hinblick auf aktuelle Diskussionen", befand Ruby. In dem Moment, wo derlei Artefakte in Manufakturen, also seriell hergestellt wurden und sich der Verkauf an reiche Städter richtete, werden sie nach Riegl zu Kitsch.

In diese Phase um 1900 gehört auch das Sammeln von Volkskunst oder Heimatkunst, was im nächsten Schritt zur Gründung von Museen führte. Diese Entwicklung lässt sich auch für das Oberhessische Museum beschreiben. Ein Aspekt der Historizität von Museumspräsentationen, der auch bei neuen Konzepten berücksichtigt werden müsse, gab jemand in der anschließenden Diskussion zu bedenken. Außerdem, so Ruby, wurden Dürer-Gesellschaften gegründet und Dürer-Läden eröffnet, die sich zur Aufgabe machten, heimische Volkskunst in den Städten zu verkaufen.

Auch hierfür gibt es in Gießen das passende Beispiel: das 1925 gegründete Dürerhaus, das Ende vergangenen Jahres geschlossen wurde.

Die Kunstgeschichte als Wissenschaft befand sich um 1900 noch in der Phase ihrer Ausdifferenzierung. Sie brauchte Volkskunst im Wesentlichen zur Abgrenzung, als "das Andere", von dem sich die eigentliche, die große Kunst abhebt. Parallel entwickelte sich in dieser Zeit ein großes Interesse an außereuropäischen Kulturen, an "primitiver", also ursprünglicher Kunst. Analog dazu war die Volkskunst die "Binnen-Exotik".

Künstler nutzten diese Kulturformen bald als Inspirationsquelle für ihr eigenes Schaffen. Als Beispiele stellte Ruby den russischen Neoprimitivismus vor, für den Ilja Repin, Kasimir Malewitsch und Natalja Gontscharova stehen. In Deutschland vergleichbar ist die Gruppe "Blauer Reiter" um Wladimir Kandinsky und Gabriele Münter, die sich von bayerischer Volkskunst für ihre Werke inspirieren ließen.

Eine lebhafte Diskussion schloss sich an, in der Facetten des Vortrags vertieft wurden. Auch der Hinweis auf die aktuelle documenta fehlte nicht, ist dort doch die Öffnung zu anderen Kulturen Programm und Elemente der Volkskunst integraler Bestandteil einiger Werke.

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