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Die Zugvögel sind auf Heimatkurs - und die Staatliche Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland setzt zur Zwischenlandung in Gießen an. ARCHIVFOTO: DPA

Vogelschützer im Anflug

Nicht nur die gewohnten Zugvögel kehren derzeit in ihre Heimat in und um Gießen zurück. Die Stadt hat in der zweiten Märzhälfte auch einen außergewöhnlichen Zuzug zu erwarten: Nach 84 Jahren verlässt die Staatliche Vogelschutzwarte ihren Standort in Frankfurt und zieht ins Europaviertel. Vorübergehend zumindest - bis das hessische »Zentrum für Artenvielfalt« Realität geworden ist.

Seit 73 Jahren logierte die Vogelschutzwarte in Fechenheim. In Kürze soll die Einrichtung Teil des hessischen »Zentrums für Artenvielfalt« werden. Das Zentrum, dessen Standort noch nicht feststeht, soll nach dem Plan des hessischen Umweltministeriums alle relevanten Organisationen an einem Ort bündeln: die Abteilung Naturschutz des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG), die mit einer Außenstelle ebenfalls im Europaviertel sitzt; das Wolfszentrum; den Forschungsverbund Biodiversitätsforschung; die Naturschutzakademie Hessen samt Naturschutzzentrum, derzeit in Wetzlar angesiedelt. Dazu die Wildbiologische Forschungsstelle; eine Abteilung des Naturschutzregisters »Natureg« und eben die Staatliche Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland - so die volle Bezeichnung.

Grundsatzbeschluss der Regierung

Am 1. Januar 2022 soll das Zentrum mit rund 80 Personen seine Arbeit aufnehmen und wird, einem Grundsatzbeschluss der Landesregierung folgend, »im ländlichen Raum« angesiedelt, um die Region außerhalb der Ballungsräume zu stärken. Eine Unterkunft sei noch nicht gefunden, sagt Ina Spriestersbach, Sprecherin des hessischen Umweltministeriums, doch sei man zuversichtlich, dass es klappt. »Das Projekt startet auf jeden Fall am 1. Januar, selbst wenn wir bis dahin immer noch keine Immobilie haben«, sagt sie.

Viel Wehmut im Team

Dass die Vogelschutzwarte bereits jetzt nach Gießen umzieht, begründet die Ministeriumssprecherin so: »Dann kann sie schon einmal die Zusammenarbeit mit dem HLNUG beginnen.« Das Dezernat Artenschutz des Landesamts residiert im Haus Netanya-Straße 5, in das auch die Vogelschutzwarte einzieht.

Für das Team ist die Veränderung eine harte Zäsur. »Das tut schon sehr weh«, sagt Dagmar Stiefel, Leiterin der Einrichtung, im Gespräch mit unserer Zeitung. Das beginne bei der Aufgabe des naturnahen Standorts am Fechenheimer Wald, wo den Vogelschützern 500 Quadratmeter in einem 2010 für 1,3 Millionen Euro renovierten und umgebauten Gebäude mit Hörsaal für rund 100 Menschen sowie ein Gelände von knapp zwei Hektar zur Verfügung gestanden habe. »In Gießen beziehen wir nun rund 200 Quadratmeter im zweiten Stock.«

Zudem werde die Mannschaft quasi halbiert. Nur drei Mitarbeiter wollen künftig nach Gießen pendeln und müssten das auch: »Ein privater Umzug kommt aufgrund der gewählten Zwischenlösung nicht in Frage. In Frankfurt bin ich zur Arbeit geradelt«, sagt Stiefel, die nur noch bis Jahresende selbstständige Dienststellenleiterin ist. Dann wird die Vogelschutzwarte in das neu zu gründende »Zentrum für Artenvielfalt« innerhalb der Naturschutzabteilung des HNLUG eingegliedert und dessen Präsident Thomas Schmid unterstellt.

Ein großer Einschnitt: »Künftig konzentrieren wir uns auf unsere Kernaufgaben: Spezieller Artenschutz mit Konzeption und Umsetzung von Schutzprogrammen und Monitoring von Vogelarten als Voraussetzung für die Entwicklung effektiver Schutzstrategien«, sagt Stiefel.

Was allerdings schmerze: »Unsere gut vernetzte Bildungs- und umweltpädagogische Arbeit fällt künftig komplett weg. Allein rund 1000 Kinder waren es pro Jahr, denen wir als außerschulischer Lernort gerade in städtischem Umfeld ein attraktives Angebot machen konnten.« Oft wurden bei Vorträgen, Workshops oder Exkursionen auch Exemplare der rund 800 Präparate umfassenden Vogelsammlung genutzt, die nun ebenso wenig mit nach Gießen umziehen wird wie das riesige Medienarchiv.

NABU hofft auf Vorteile durch Nähe

Auch Berthold Langenhorst vom Vorstand des hessischen Naturschutzzentrums in Wetzlar, auch Sprecher des NABU Hessen, bedauert, dass die Vogelschutzwarte nun Frankfurt verlässt. Der NABU habe sich damit schwergetan. Insgesamt aber hält er das neue Zentrum für eine gute Idee: »Die Nähe zueinander, die Synergieeffekte werden bei der Arbeit für den Artenschutz helfen.«

Die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) bekennt: »Ich bin nicht begeistert davon, dass Frankfurt die Vogelschutzwarte verliert. Aber ich kann die Gründe nachvollziehen.« Wie es nun weitergeht, etwa mit dem Nilgans-Management oder mit den Fledermausnächten, mit den ornithologischen Expertisen, den vogelkundlichen Angeboten für Schulklassen? »Da müssen wir uns Gedanken machen«, sagt Heilig, »einen Weg finden, das anders zu verteilen in der Stadt«. In Gießen jedenfalls beginnt für die Vogelschützer nun ein ganz anderes Kapitel. Von Thomas Stillbauer und Annette Spiller

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