Der Mediziner Michael Diepolder spricht mit seinem Patienten online über dessen Handgelenkschmerzen. FOTO: SCHEPP
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Der Mediziner Michael Diepolder spricht mit seinem Patienten online über dessen Handgelenkschmerzen. FOTO: SCHEPP

Neues Angebot

Virtuelle Sprechstunde beim Arzt in Gießen

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Mediziner aus dem Gesundheitsnetzwerk Gießen bieten seit einigen Tagen eine Sprechstunde über das Internet an. So umgeht man die Gefahr, sich im Wartezimmer mit Covid-19 anzustecken.

Dr. Michael Diepolder lässt die Maus über den Bildschirm wandern. Zwei Klicks, schon ploppt das Gesicht von Erik Radtke auf. "Guten Morgen Erik", sagt der Facharzt für Orthopädie, "was kann ich für Sie tun?" Keine Antwort. "Hallo? Hören Sie mich, Test, Test?" Diepolder runzelt die Stirn. Ach ja, das Headset. Der Arzt streift die Kopfhörer über. "Ja, jetzt höre ich Sie."

Noch ist das neue Angebot des Gesundheitsnetzwerks Gießen (GNG) für die Ärzte gewöhnungsbedürftig. Erst sein einer Woche bieten sie virtuelle Sprechstunden an. "Das ist alles ein bisschen neu, aber wir sind von dieser Art der Kommunikation überzeugt", betont Diepolder. Das hat viele Gründe. Vor allem Corona.

Zuhause bleiben ist die einfachste Art, das Virus zu bekämpfen. Manche Angelegenheiten müssen jedoch außerhalb der eigenen vier Wände erledigt werden. Dazu gehört der Arztbesuch. "Das wird auch weiterhin so sein", betont Volker Radtke, Ärztlicher Direktor des GNG. "Einen Rücken kann man nicht per Video einrenken." Rezepte verlängern, Krankschreibungen erteilen oder Vorgehensweisen klären, sei virtuell aber sehr wohl möglich.

Zu verdanken haben die Patienten das auch Leonie Knorpp. Sie kümmert sich in der Frankfurter Straße um das Praxismanagement und somit auch um die technische Umsetzung des neuen Projekts. "In der aktuellen Situation ist das eine sehr gute Maßnahme, um die Kontakte im Wartezimmer zu reduzieren." Das sei im Fall des GNG besonders sinnvoll, da der Schwerpunkt des Facharztzentrums auch auf Osteoporose liege, unter der besonders ältere Menschen leiden. "Also Risikopatienten", wie Knorpp hervorhebt.

Da Senioren keine "digital natives" sind, ist der Zugang zur virtuellen Sprechstunde einfach konzipiert. Die Patienten erhalten per SMS einen Termin samt Zugangs-Link. Durch Anklicken landen sie im virtuellen Wartezimmer. "Dann müssen sie nur noch ihren Namen eingeben und können vom Arzt aufgerufen werden", sagt Knorpp. Am einfachsten sei der Zugang über das Smartphone. "Dann können die Patienten auch mal das Handy auf ihr dickes Knie halten und zeigen, um was es geht." Über den Computer sei der Service ebenfalls problemlos. Knorpp betont, dass derzeit keine neuen Patienten das Angebot nutzen können. "Es ist wichtig, dass wir eine Akte haben und den Krankheitsverlauf kennen."

So wie bei Erik Radtke. Der 20-Jährige hat die virtuelle Sprechstunde besucht, weil er Schmerzen im Handgelenk hat. "Ihr Vater sollte sie nicht zu so viel Gartenarbeit verdonnern", sagt Diepolder lächelnd und verschreibt dem jungen Mann eine Bandage.

Zwei Klicks später blickt der Facharzt in das Gesicht von Regina Kohse. Man merkt der Patientin an, dass der virtuelle Arztgang etwas Besonderes ist. Aufgeregt winkt sie in die Kamera. Wenige Minuten später hat sie ihr Rezept wegen der langwierigen Rückenschmerzen ausgestellt bekommen. "Außerdem sollten wir die Übungen auffrischen", sagt Diepolder und rät zu einer erneuten Physiotherapie. Genauso wie Radtke ist Kohse von dem Angebot begeistert. "Tolle Idee. So muss ich mich in der aktuellen Situation nicht ins Wartezimmer setzen."

Neben den Patienten profitieren auch die Mediziner. "Momentan sagen viele Patienten ihre Termine ab, weil sie nicht vor die Haustür wollen", sagt Knorpp. Das sei mit Blick auf die Pandemie auch gut so, gleichzeitig drohe für die Zeit danach ein Behandlungsstau. "Wenn wir jetzt unkompliziertere Fälle abarbeiten, können wir das entzerren", sagt sie. Außerdem, das betont der Ärztliche Direktor Radtke, sei die virtuelle Sprechstunde auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht sinnvoll. Denn die vielen abgesagten Termine mögen zwar mit Blick auf die Ausbreitung des Virus sinnvoll sein, für das Gesundheitsnetzwerk bedeuten sie aber auch ein Rückgang des Umsatzes.

Die virtuelle Sprechstunde bietet aus sich der Mediziner also einen großen Nutzen. "Das ist der Vorteil der Krise", sagt Knorpp. "Da die Hersteller die Software momentan kostenlos anbieten, wird sie auch verstärkt genutzt. So kommen Neuerungen in Gang."

Auch für die Zeit nach Corona. Denn in einer immer älter werdenden Gesellschaft mit überlasteten Fachärzten könnte die virtuelle Sprechstunde eine echte Entlastung sein. Für Mediziner und Patienten.

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