Neue Rolltreppen

Vier Rolltreppen in einer Nacht

  • Marc Schäfer
    vonMarc Schäfer
    schließen

Spektakuläre Baumaßnahme bei Karstadt: In der Nacht zu Mittwoch werden vier neue Rolltreppen angeliefert und montiert. Wir waren bei der Meisterleistung vor Ort.

Die Parfümerieabteilung ist in wenigen Minuten beiseite geschoben. Bei Karstadt muss es am Dienstag nach Geschäftsschluss schnell gehen. Die Ständer mit Lippenstift nach links, Eyeliner nach rechts. Handtaschen, Tücher, T-Shirts – alles muss hastig aus dem Weg, denn in den nächsten Stunden sollen vier neue Rolltreppen angeliefert und montiert werden. Jede einzelne ist 7,5 Tonnen schwer und 14 Meter lang – und benötigt daher entsprechend Platz. Für die Lieferung hat Karstadt extra ein großes Schaufenster ausbauen lassen.

Nur 14 Stunden bleiben den Monteuren der Firma Schlopp, Spezialisten für Industriemontage, weltweit im Einsatz, in dieser Nacht, bis am Mittwochmorgen die ersten Kunden wieder vor den Türen warten. In dieser Zeit müssen drei alte Rolltreppen mit Stapler und mobilem Kran aufgeladen und abtransportiert werden. Die vier neuen Fahrtreppen – sie kommen mit vier Lkw direkt aus der Slowakei ans Selterstor – müssen dann abgeladen und in das Warenhaus geschoben werden. Dazu nutzen die Monteure bloß sechs kleine Rollwagen und ihren Stapler. Sonst nichts. Das erstaunt die Anwesenden. Später werden die vier unhandlichen Ungetüme aus Stahl und Glas per Kettenzug in das Treppenauge gehievt, eingehängt und grob justiert. Feierabend.

Der Zeitplan ist eng. Vorarbeiter Sven Scharf lässt sich allerdings nicht stressen. "Meine Jungs sind auf Rolltreppen spezialisiert. Wir machen nichts anderes", sagt der Berliner und lacht. Jetzt wird es ernst. Ein Lkw rangiert rückwärts durch den Wasserfall am E-Klo. Die erste Rolltreppe kommt. Karstadt-Geschäftsführer Lothar Schmidt zieht an einer Kippe. "Ich bin 42 Jahre im Handel, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt." Der Chef ist angespannt.

Zur Beruhigung gibt es einen historischen Exkurs: Zur Eröffnung des neuen Hauses 1954 nahm Karstadt "die ersten Rolltreppen zwischen Frankfurt und Siegen" in Betrieb und nannte sie "Symbol des Fortschritts". Die Freie Presse, später GAZ, schrieb damals ehrfürchtig: "Man stellt sich auf das treppenartige Gebilde und wird wie von Geisterhand aufwärts geschleust. Die Treppen verschwinden wie am Fließband im Boden der nächsten Etage. Im ewigen Kreislauf surrt die Maschinerie der Anlage, die in Großstädten schon zur Selbstverständlichkeit geworden ist." Die Rolltreppen sorgten damals für großes Aufsehen. In den ersten Monaten kamen Menschen in erster Linie zum Rolltreppefahren zu Karstadt und nicht zum Einkaufen. Im Erdgeschoss sammelten sich regelmäßig Menschenmassen vor den Treppen, um vergnügt damit zu fahren.

6000 Personen pro Stunde konnten zu dieser Zeit befördert werden. Daran hat sich bis heute kaum etwas verändert. Die Geschwindigkeit ist mit 0,5 Meter/Sekunde konstant geblieben.

Insgesamt tauscht Karstadt 16 Rolltreppen aus. Am Mittwoch und Donnerstag folgen je vier. Im nächsten Abschnitt der Rest. Das Unternehmen investiert 10 Millionen Euro in die Sanierung des Hauses. Mehr als die Hälfte geht für das Parkhaus drauf. Die Rolltreppen kosten 1,4 Millionen. Ihr Austausch war nötig, da die alten nach fast 50 Jahren störungsanfällig waren. "Außerdem war der Stromverbrauch sehr hoch, sagt Schmidt.

Wenige Minuten nach der Ankunft steht die erste Treppe zwischen Lippenstift und Eau de toilette als wäre nichts gewesen. Maßarbeit mit schwerster Last. Die Monteure sind zufrieden. "Wir brauchen Sekt. Wir sollten auf die Rolltreppe anstoßen", ruft ein Zuschauer. Doch das ist den Arbeitern zu früh. Draußen warten drei Riesen zur Zähmung.

Man stellt sich auf das treppenartige Gebilde und wird wie von Geisterhand aufwärts geschleust

Freie Presse zur Einweihung 1954

Und die Montage steht noch bevor, pro Treppe sind zwei Stunden kalkuliert: Der Plan sieht vor, dass zunächst die zwei Treppen, die zu den Lebensmitteln führen, in dem Schacht abgelegt werden, dann sollen die zwei nach oben gezogen werden, auf denen die Kunden bald in den dritten Stock fahren. Frühestens wenn die hängen, werden auch Scharf und seine Kollegen anstoßen. Bloß Sekt kann man sich bei den Jungs nicht so recht vorstellen. "Wir sind eher fürs Grobe zuständig", hatte Scharf vorhin gesagt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare