Architektur

Das vielleicht spektakulärste Haus Gießens

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Auf der Terrasse würde sich vermutlich auch Brad Pitt wohlfühlen: In der Nähe des Alten Friedhofs ist ein Haus entstanden, das in Gießen seines Gleichen sucht. Ein Besuch.

Wie ein gestrandetes Schiff thront das Haus auf der mit Gras bewachsenen Anhöhe. Die runde Fassade läuft vorne in einem Halbkreis zusammen und bietet darauf Platz für eine große Terrasse. Durch die raumhohe Verglasung hat man aber auch aus dem Wohnzimmer heraus einen einzigartigen 180-Grad-Blick über die Dächer der Stadt. Mit seinen futuristischen Formen könnte das Haus vom US-amerikanischen Architekten John Lautner entworfen worden sein. Es würde nicht verwundern, wenn plötzlich George Clooney im Bademantel und mit Martini über den edlen Holzboden schlendern würde. Tut er aber nicht. Und das Traumhaus steht auch nicht in den Hollywood Hills, sondern am Gießener Südhang. Die Architekten Peter Gronych und Yvonne Dollega aus Wetzlar haben es für ein Gießener Ehepaar entworfen. "Ich bin mehr als zufrieden", sagt der Bauherr, der lieber anonym bleiben möchte. Der Gießener wirkt zurückhaltend und freundlich, er zeigt sein Haus nicht, um anzugeben, sondern um die Leistung der Architekten zu würdigen. Er muss grinsen: "Normal ist das Haus ja nicht."

180-Grad-Blick

In Gießen wird derzeit viel gebaut, meist aber nicht wirklich schön. Die architektonische Monotonie aus rechteckigen Klötzen mit weißer Fassade und schwarz verblendeten Flachdächern, die man in den neuen Wohnquartieren der Stadt findet, mögen funktional und günstig sein. Etwas fürs Auge sind sie aber nicht.

Das Anwesen am Alten Friedhof ist hingegen ein Blickfang. Natürlich nicht billig, aber dafür überraschend funktional, wie Architekt Gronych bei einem Rundgang verdeutlicht. Das Bad zum Beispiel steht frei und mitten im Erdgeschoss, kann durch Trennwände aber separiert werden. Die Toilette, die Waschmaschine und der Trockner sind hinter einer holzvertäfelten Wand verborgen. "Das Erdgeschoss wirkt wie ein großer offener Raum. Man kann ihn aber auch an die Bedürfnisse anpassen. Ein Wechselspiel von Groß und Klein", sagt der Architekt.

Küche oben, Schlafzimmer unten

Über eine filigrane Eisentreppe geht es hinauf ins Obergeschoss, das aus Küche und Wohnzimmer besteht. Küche oben, Schlafzimmer unten? "Ja", sagt Gronych, "denn oben hat man den sensationellen Ausblick." In der Tat liegt einem hier oben die Stadt zu Füßen. Ganz links erhebt sich der Schiffenberg, in der Mitte thront das Alte-Chemie-Gebäude, und an der rechten Seite des Blickfelds ist die 72 Meter hohe Spitze der Johanneskirche zu sehen.

Ein Ausblick, an dem man sich nicht sattsehen kann. Kein Wunder, dass der Bauherr keinen Fernseher besitzt. Aber das hat einen anderen Grund. "Wir haben ihn verkauft. Das Haus hat ihn quasi ausgespuckt." Der Küchentisch soll auch noch entfernt werden, auch er passe nicht zur Atmosphäre des Hauses. Bilder, Vasen oder Bücher sucht man ebenfalls vergeblich. Der Gießener lacht: "Ich werde öfters gefragt, ob ich tatsächlich hier wohne. Aber man kann hier nicht einfach etwas von der Stange hineinstellen." Nach einer kurzen Pause fügt er an. "Das Haus ist ziemlich kritisch." (Fotos: ep)

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