Eine Avocado mit "Heiligenschein" ist das Logo des Funkkollegs Ernährung, das Gunter Eckert wissenschaftlich begleitet hat. FOTO: SCHEPP
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Eine Avocado mit "Heiligenschein" ist das Logo des Funkkollegs Ernährung, das Gunter Eckert wissenschaftlich begleitet hat. FOTO: SCHEPP

"Vielleicht flacht die Fasten-Welle ab"

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Das Frühstück weglassen, Weizen meiden, Kapseln schlucken. Dutzendfach prasseln Ratschläge zur gesunden Ernährung auf uns ein. Sind das immer nur Moden, gesteuert von der Lebensmittelindustrie? Ernährungswissenschaftler Gunter Eckert gibt im GAZ-Interview Antworten.

Gut 500 Interessierte aller Altersstufen bei der Auftaktveranstaltung in Gießen, die Rekordzahl von 370 000 Abrufen: Ein großer Erfolg war das Funkkolleg "Ernährung: Genuss - Gesundheit - Geschäft" 2019/20. In 23 Folgen deckte der Hessische Rundfunk ein breites Spektrum an Themen ab von "Wo wächst unser Essen?" über "Die geheimnisvolle Welt der Darmbakterien" bis zur Lebensmittelverschwendung. Als wissenschaftlicher Beirat hat Gunter Eckert das Funkkolleg begleitet. Der Professor für Ernährung in Prävention und Therapie an der Justus-Liebig-Universität fasst im GAZ-Interview aktuelle Forschungsergebnisse zusammen.

Herr Professor Eckert, was gab es bei Ihnen gestern zum Abendessen?

Angelehnt an Nordic Diet: Ein Rote-Bete-Carpaccio mit Walnüssen, Heidelbeeren, Bio-Feta, dazu Baby-Blattspinat mit Himbeerdressing.

Das klingt gesund. Essen Sie immer so vorbildlich?

Nein (lacht). Allein schon weil meine fünfjährige Tochter ein bestimmtes Spaghetti-Fertiggericht liebt.

Haben Sie beim Funkkolleg selbst dazugelernt?

Ja, ich habe unheimlich viel gelernt. Eigentlich ist Ernährung simpel: Sie soll sicherstellen, dass die Körperfunktionen aufrechterhalten werden. Aber das Thema ist sehr vielfältig. Das haben die Wissensschaftsjournalisten von HR-Info sauber, kompetent und erfrischend aufbereitet.

Einer dieser Aspekte war: Ernährung gleicht heute einer Art Religion - Stichworte: "Sünde", Bekehrung, die Vorstellung von "Reinheit". Kann solches Schwarz-Weiß-Denken sinnvoll sein, oder muss man Graubereiche aushalten? Man kann das Essen ja - anders als Rauchen - nicht ganz aufgeben.

Ich meine: Da sollte jeder seinen Weg finden, ohne andere übermäßig zu bekehren. Ein militanter Veganer lebt vielleicht gar nicht viel gesünder als jemand, der nicht vom Steak abzubringen ist. Zum sinnvollen Mittelwert geben die Verzehrempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung wertvolle Hinweise.

Heißt das, man sollte Mahlzeiten mit der Nährwerttabelle planen?

Nein. Essen hat auch zu tun mit Genuss und Geselligkeit. Das sollte man zelebrieren. Ich versuche zum Beispiel meine Tochter am Kochen teilhaben zu lassen. Die Natur hat uns ja die Sinne mitgegeben, auch um eine Unter- oder Überversorgung mit bestimmten Stoffen zu vermeiden.

Aber diese Sinne gieren nach Zucker und Fett.

Ja, leider. Die Ur-Instinkte wurzeln im einstigen Mangel an Nährstoffen, sie sind programmiert auf schnell verfügbare Energie. Wenn es der Seele gut tut, kann man dem auch mal nachgeben. Man braucht eine hohe Kompetenz, um sich gesund zu ernähren. Dieses Wissen müsste in der Schule vermittelt werden.

Ist Zucker Gift?

Da muss ich als Toxikologe Paracelsus bemühen: Die Dosis macht das Gift. Zu viel Zucker ist ein ernsthafter Risikofaktor für die Gesundheit. Das Fiese beim Zucker ist eben, dass wir auf unser urzeitliches Programm hereinfallen. Da greifen suchtähnliche Mechanismen. Die weltweite Strategie zur Reduzierung von Zucker und auch Salz in Fertigprodukten finde ich sinnvoll.

Und Gluten in Weizen?

Bei Menschen mit Zöliakie schadet Gluten dem Dünndarm. Sie müssen eine strenge Diät halten, sonst werden ihre Darmzotten zerstört. Dann gibt es Menschen, die nur sensitiv auf Gluten reagieren; sie sollten einen zeitweisen Verzicht ausprobieren. Der Anteil dieser Menschen steigt höchstens moderat. Aber in jedem Supermarkt gibt es Regale voller glutenfreier Produkte. Das ist so ein Hype. Einem gesunden Menschen macht Gluten gar nichts aus, genauso wenig wie Laktose.

Brauchen wir Getreide?

Ja, auch wenn viele die kohlenhydratarme oder -freie Ernährung propagieren. Eine neuere große Langzeitstudie bestätigt: Kohlenhydrate sollten etwa 55 Prozent unserer Kost ausmachen. Sonst kann der Energiestoffwechsel beeinträchtigt werden.

Sind Nahrungsergänzungsmittel zu empfehlen, oder können sie sogar gefährlich sein?

Da gehen die Expertenmeinungen weit auseinander. Manche sagen, es kann schon eine Minderversorgung entstehen, bevor ein Mangel auftritt. Lebensmittel, die mit Mineralstoffen und Vitaminen angereichert sind, können sinnvoll sein: Die meisten von uns essen Salz mit zugesetztem Jod. Frauen im gebärfähigen Alter wird empfohlen, Folsäure zuzuführen. Fatal ist, wenn Menschen glauben, Multivitaminpräparate könnten eine ausgewogene Ernährung ersetzen. Sie können sie nur ergänzen. Bestandteile natürlicher gesunder Ernährung - zum Beispiel färbende Stoffe in Blaubeeren - haben Effekte, die bisher kaum erforscht sind.

Die Frankfurter Psychologin Heike Winter sagt im Funkkolleg: Gerade in Zeiten des Angstgefühls rücke Essen in den Fokus, weil die Menschen das Bedürfnis nach einem Gefühl der Kontrolle über ihr Leben haben. Entspricht das Ihren Erfahrungen?

Ich kenne dieses Gefühl nicht. Die Coronakrise war für viele eher eine Chance, Gewohnheiten zum Positiven zu ändern, etwa zusammen zu kochen.

Ein weiteres Thema: Bewegung. Was den Kalorienverbrauch angeht, wird sie offenbar häufig überschätzt. Ist sie trotzdem wichtig?

Absolut, weil sie langfristig den Grundumsatz erhöht. Außerdem regt körperliche Betätigung den Stoffwechsel an und stärkt das Herz. Sie macht allerdings auch hungrig. Als ich angefangen habe zu laufen, habe ich danach oft eine Platte Brote gegessen und mich gewundert, dass ich nicht abnehme. Besser sind Lebensmittel mit geringerer Nährstoffdichte, zum Beispiel Salat oder fettarme Suppe.

Darf ich Meldungen trauen wie "Schokolade hilft beim Abnehmen"?

Nein! (lacht)

Das ist ein Extrembeispiel, das Journalisten erfunden haben, um die Medien-Mechanismen offenzulegen. Aber auch sonst gilt ja: Ernährung ist komplex, verkürzte Aussagen sind mit Vorsicht zu genießen.

Das kann man unterstreichen. Und das macht unser Fach so schwierig.

Wie zuverlässig sind Studien, die von der Industrie finanziert wurden?

Da muss man genau hingucken. Grundsätzlich ist Auftragsforschung nicht zu beanstanden, wenn die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis beachtet werden. Es gibt schwarze Schafe, aber meiner Erfahrung nach versucht die Lebensmittelindustrie nicht die Richtung vorzugeben.

Man hat manchmal das Gefühl: Dieses Jahr wird die eine Lehre verkündet, nächstes Jahr das Gegenteil. An welchem Punkt befindet sich das Ernährungs-Wissen?

Es tut sich immer wieder Neues auf. Bei Lebenswissenschaften ist das so. Aber in gewisser Weise verdichtet sich das Wissen. Auf der Suche nach der Wahrheit schlägt das Pendel nicht mehr so weit aus.

Ein Beispiel: Früher hieß es, man solle viele kleine Mahlzeiten über den Tag verteilen. Jetzt ist (Intervall-)Fasten der große Trend. Ist das auch nur wieder eine Mode?

Fasten hat viele positive Effekte, weil es offenbar unser "Hungerprogramm" bedient. Einen Teil des Tages oder zwei Tage in der Woche auf Nahrung zu verzichten, kann beim Abnehmen helfen und wirkt dem Alterungprozess entgegen, weil die Recyclingprozesse in der Zelle gestärkt werden. Vielleicht flacht aber auch diese Modewelle wieder ab, denn Fasten fordert Disziplin und ist nicht für jeden geeignet.

Kreisen wir beim Thema Ernährung zu sehr um unser persönliches Wohlbefinden und den Umgang mit Überfluss? Das Funkkolleg beleuchtete auch Themen wie Bodenverbrauch, Plastik oder Welthandel.

Die wenigsten Menschen machen sich Gedanken darum. Es ist unwürdig, was manche Lebensmittel kosten, zum Beispiel Fleisch. Die Auswüchse müssen aufhören, was Umwelt und Arbeitsschutz betrifft. Der Verbraucher hat es selbst in der Hand.

Alle Inhalte des Funkkollegs sind als Buch erschienen: "Ernährung: Genuss - Gesundheit - Geschäft", herausgegeben von Gunter Eckert u.a., Wochenschau-Verlag, ISBN 978-3-7344-0883-0, 26,90 Euro.

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