In der Kapelle am Alten Friedhof und weiteren Kirchen werden in diesen Tagen Gottesdienste gehalten und aufgezeichnet. Sie kommen dann an Ostern ins Internet. FOTO: SCHEPP
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In der Kapelle am Alten Friedhof und weiteren Kirchen werden in diesen Tagen Gottesdienste gehalten und aufgezeichnet. Sie kommen dann an Ostern ins Internet. FOTO: SCHEPP

Viele neue Erfahrungen gesammelt

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Zum ersten Mal seit 2000 Jahren haben Pfarrer an Ostern frei, könnte man mit einem Schmunzeln sagen. Wie erleben die Gießener Seelsorger die Tage vor dem Fest? Von ihren Sorgen und ihren Hoffnungen berichten sie in dieser Umfrage.

Johannes Lohscheidt ist seit gut zwei Jahren Pfarrer der evangelischen Wicherngemeinde im Gießener Osten. Schwer fällt es ihm, die Menschen, zu denen er ein seelsorgerliches Verhältnis aufgebaut hat, nun nicht persönlich besuchen zu können. Natürlich telefoniert er viel und lang. Schwierig ist es aber, Kontakt zu älteren Gemeindemitgliedern aufzunehmen, deren Telefonnummern ihm nicht bekannt sind. "Viele haben sich in den letzten Jahren aus dem Telefonbuch löschen lassen."

Um das Wesentliche kümmern

In diesen Tagen beerdigt er Menschen, die er während der letzten Lebensmonate begleitet hat. Nun die Beerdigung nicht so feiern zu können, wie es sich die Verstorbenen vorher gewünscht hatten und die Hinterbliebenen bitten zu müssen, den Freunden keine Einladung zur Trauerfeier zu schicken, "das schmerzt" den jungen Pfarrer. Freude empfindet er, wenn Menschen ihm "Schokolade vor die Tür legen, um sich für Telefongebete zu bedanken". Dass er jetzt vor Karfreitag und Ostern gerade ohne viel Bürokratie einfach "über Gott und sein Handeln in der Welt" nachdenken kann, dafür habe er Theologie studiert.

Stadtkirchenpfarrer Klaus Weißgerber ist vielen Menschen aus dem Kirchenladen am Kirchenplatz bekannt. Immer wieder hat er in der Vergangenheit mit der Gießener Geschäftswelt - bei aller persönlichen Verbundenheit - gestritten, wenn es um die Sonntagsöffnung ging. In diesen Tagen fordert er viele Menschen auf, "den örtlichen Einzelhandel zu unterstützen, der besonders unter den Schließungen leidet". Auf der Website kirchenladen-giessen.de führt er Geschäfte auf, die um ihre Existenz bangen und mit besonderem Lieferservice auf Kunden warten. "Anstatt aus Bequemlichkeit bei Amazon zu bestellen, kann man hier leicht Unterstützung leisten", betont Weißgerber. Er werde das Osterfest stiller und mit mehr innerer Besinnung feiern als bislang. "Ostern lehrt uns Demut und Gottes(ehr)furcht - und es schenkt uns Lebensfreude".

Die Pfarrerin für Studierende, Jutta Becher, ist traurig, an Ostern nicht mit den jungen Leuten feiern zu können, denen sie während des Studiums in Gießen Seelsorgerin ist. Zurzeit unterstützt sie ihre Studis ganz praktisch, etwa bei der Jobsuche, weil viele Nebenjobs in der Gastronomie weggebrochen sind. Besondere Fürsorge brauchen die Studierenden aus fernen Ländern, erzählt Jutta Becher. Sie haben "große Sorgen" um ihren derzeitig ungeklärten Aufenthaltsstatus und vor allem um ihre Familien in Kamerun, Marokko, Nepal und vielen anderen Orten.

Ostertüten zum Mitnehmen

Neben persönlichen Gesprächen kommuniziert die Pfarrerin derzeit "sehr, sehr viel telefonisch und über WhatsApp". Digital wird sie ab 14. April mit den Studis, die nach Hause gefahren sind, Andachten per Videokonferenz feiern. Ganz analog hängt sie jetzt "Ostertüten" zum Mitnehmen am ESG-Gebäude in der Henselstraße auf. Darin finden sich eine Hoffnungskarte, Schokolade, ein Teelicht und eine Anleitung für einen Oster-Gottesdienst zu Hause.

"Komplett anders als sonst", erlebt Pfarrer Dr. Gabriel Brand aus der evangelischen Andreasgemeinde die Tage bis Ostern. Es wird nur einen Online-Gottesdienst geben, der zu Ostern im Internet auf giessen-ost.de zu finden ist. Gesprochen, gepredigt und musiziert wird vorher, in der Andreaskirche, der Kapelle auf dem Alten Friedhof und in der Wichernkirche. Gemeinsam mit Pfarrerin Sonja Löytynoja und Pfarrer Johannes Lohscheidt aus den Nachbargemeinden. "Völlig neu" ist für Brand, dass seine Arbeit "bis Ostern getan sein" müsse.

An diesem Fest freizuhaben, sei unwirklich. In den zurückliegenden Wochen hat sich seine Arbeit auf vielerlei Weise verändert. "Die Konzentration auf Weniges." Viele seelsorgerliche Telefongespräche. "Der Mut und die Lust, Neues zu probieren." Für den Sondergemeindebrief zu Ostern hat er eine Hausandacht geschrieben, damit Leute sie zu Hause feiern können. Er selbst wird "am Karfreitag die Matthäuspassion von J. S. Bach hören. "Das ist auch Gottesdienst!", sagt Pfarrer Brand und eilt zur Aufzeichnung des Online-Gottesdienstes.

Digitale Wege erkundet auch Stadtjugendpfarrer Alexander Klein. Am vergangenen Sonntag feierte er im Talar in seinem Wohnzimmer einen Live-Familiengottesdient per Videokonferenz. Über 170 Menschen jeden Alters waren dabei. "Enkelkinder begrüßten sogar ihre Omas von Lübeck aus nach Pohlheim." Kinder aus Gießen und Umgebung, die eigentlich nahe zusammenwohnen, sich aber wegen Corona nicht besuchen dürfen, konnten sich plötzlich wieder zuwinken und gegenseitig ihre Namen zurufen. "Ich habe während des ganzen Gottesdienstes und dann vor allem im Nachhinein von den Kommentaren, die ich erhalten habe, gespürt, wie intensiv der Geist Gottes auch in diesen Tagen verbinden kann", berichtet Klein.

Intensive Begegnungen

Außerdem trifft er sich online über "Zoom" mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, um sich "auszutauschen, miteinander zu singen und zu beten und uns so gemeinsam auf den Karfreitag und das Osterfest vorzubereiten". Er erlebe die Tage vor Ostern viel intensiver und tiefgehender als in den letzten Jahren.

Alexander Klein ist zuversichtlich, dass diese Erfahrungen noch lange nach Ostern nachklingen werden, "hinein in unsere Arbeit und Gemeinden".

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