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Das Uniklinikum Gießen und Marburg blicke auf ein weiteres Erfolgsjahr zurück. Es sehe aber schwereren Zeiten entgegen und brauche mehr Unterstützung, hieß es beim Neujahrsempfang. FOTO: SCHEPP

"Zu viele kleine Krankenhäuser"

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Kritik an der Presse und am "EV", ein düsterer Blick auf ein schwieriges Jahr 2020 und ein Rückblick auf die Privatisierung 2006, die den Medizin-Standort Gießen gerettet habe. Der Neujahrsempfang am Uniklinikum bot den rund 150 Besuchern reichlich Gesprächsstoff.

Das Universitätsklinikum Gießen und Marburg sowie der Fachbereich Medizin der Justus-Liebig-Universität brauchen mehr Steuergeld. Das war die zentrale Aussage beim gemeinsamen Neujahrsempfang beider Institutionen am Donnerstag im Medizinischen Lehrzentrum. Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) verwies auf laufende "konstruktive Gespräche" und versicherte: "Es ist das gemeinsame Ziel, dieses Klinikum zu stärken."

Dekan Prof. Wolfgang Weidner nannte in seiner Begrüßung zahlreiche Erfolge aus dem vergangenen Jahr, unter anderem die "extreme Berufungsarbeit". Der Fachbereich habe bis zu 27 Neubesetzungen parallel bearbeitet unter anderem dank Stiftungsprofessuren und dem Herz-Lunge-Exzellenzcluster. Für die Einrichtung zusätzlicher Studienplätze insbesondere auf dem Kerckhoff-Campus brauche die JLU Unterstützung des Landes.

Die Bedeutung des größten Fachbereichs für die Universität hob JLU-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee hervor. Die mittelhessischen Hochschulen müssten im "immer härteren Wettbewerb" noch enger zusammenarbeiten.

Mehr Pflegekräfte im Einsatz denn je

"2020 wird ein schwieriges Jahr", meinte Stephan Holzinger, Vorstandsvorsitzender der Rhön Klinikum AG. Die Krankenhauslandschaft leide unter "massiven Umwälzungen" und allzu schnell formulierten neuen Gesetzen. Holzinger prangerte unter anderem "beklagenswerte Zustände in den Notaufnahmen" und "überbordende Bürokratie" an. Nötig sei vorausschauende Planung und eine angemessene Finanzierung auch ambulanter Leistungen. Die Rhön AG habe in den 14 Jahren seit der Übernahme 890 Millionen Euro in das UKGM investiert.

Weitere Effizienzsteigerungen könne der Konzern nicht alleine stemmen, ergänzte Dr. Gunther Weiß als Vorsitzender der UKGM-Geschäftsführung. "Wir sind nicht unkaputtbar." Das Klinikum wolle verstärkt selbst bestimmen, welche Patienten es aufnimmt.

Weiß räumte einen "Pflegenotstand" ein. Dabei gebe es in Deutschland "so viele Pflegekräfte wie nie, aber an den falschen Stellen. Es gibt zu viele kleine Krankenhäuser." Am Kampf um Mitarbeiter mit hohen Gehältern, Tablet-Computern und Prämien beteilige sich das UKGM nicht, "weil das dem Verbundgedanken widerspricht". In diesem Zusammenhang kritisierte Weiß das Evangelische Krankenhaus Gießen (Details und eine Stellungnahme im Artikel rechts).

Der Ärztliche Geschäftsführer Prof. Werner Seeger griff beide Gießener Tageszeitungen an. Obwohl die GAZ-Berichterstattung über die Schließung von Stationen wegen Personalmangels korrekte Fakten nannte, vermutet er dahinter Vorurteile gegen das vermeintliche Gewinnstreben eines privatisierten Klinikums. Dabei habe die Übernahme durch Rhön den vom Land lange vernachlässigten Medizinstandort Gießen "gerettet". Seegers Forderung: "Es muss Schluss sein mit der Geschichtsvergessenheit."

Die Zweifel, ob Kliniken in Gießen und Marburg nötig sind, seien "vorbei", versicherte Ministerin Dorn. Die Verhandlungen um die weitere Finanzierung des "exzellenten Standorts" seien ein "Balance- und Kraftakt".

Der Hackerangriff vom 8. Dezember geriet angesichts dieser Themen zur Nebensache. "Wir haben gelernt, auf Botendienste, Telefon, Briefe und Fax zu setzen", sagte Weidner.

Die "Ladybirds" aus Frankfurt sorgten für die musikalische Umrahmung des offiziellen Teils. Bei Snacks und Getränken hatten die Besucherinnen und Besucher dann reichlich Gesprächsstoff.

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