Hilferuf

Viele Grundschullehrer sind mit Kräften am Ende

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Nachdem mehrere südhessische Grundschulen Alarm geschlagen hatten, haben sich jetzt auch Gießener Rektoren mit einem Hilferuf zu Wort gemeldet.

In Frankfurt, Darmstadt und jetzt auch in Wiesbaden haben sich Grundschullehrer mit einem Hilferuf an das Kultusministerium gewandt. Sie beklagen sich über immer mehr Aufgaben durch Inklusion, Integration und Ganztagsangebote – und über fehlende Unterstützung. Arbeitsüberlastung an Grundschulen – das ergab eine Umfrage der Gießener Allgemeinen Zeitung – ist nicht nur in Südhessen ein Problem.

"Den Brandbrief der Frankfurter Kollegen könnte ich eins zu eins unterschreiben", sagt Harriet Kühnemann. Die Leiterin der Georg-Büchner-Schule war selbst schon drauf und dran, eine entsprechenden Initiative zu gründen, "weil viele Lehrerinnen an der Grundschule mit den Kräften am Ende sind". Ein Großteil des Kollegiums engagiere sich "bis an den Rand der Erschöpfung". Der Wunsch der Eltern nach inklusiver Beschulung nehme zu. Inklusion sei auch politisch gewollt, werde aber nicht ausreichend unterstützt, spricht die Rektorin von einem "Riesensparmodell". Dass an der Georg-Büchner-Schule mehr als 90 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben, schlage sich ebenfalls in der täglichen Arbeit nieder. "Alles, was an internationalen Konflikten stattfindet, kommt auch bei uns an."

Defizite in Familien Ähnliche Erfahrungen macht Florian Krauß an der Käthe-Kollwitz-Schule. "Klingt toll", sagt der Rektor zum Stichwort Inklusion, "ist aber in der jetzigen Form an Schulen überhaupt nicht umsetzbar". Auch die im Schreiben ans Ministerium angeführten Sprach- und Disziplinprobleme werden von Krauß bestätigt. Diese Schwierigkeiten hätten aber nur bedingt etwas mit der Beschulung von Flüchtlingskindern zu tun. "In vielen Familien wird das kleine Einmaleins des Umgangs miteinander vernachlässigt", hat der Schulleiter beobachtet. Dass viele Kinder offenbar den Großteil des Wochenendes vor dem Fernseher verbringen, bekomme die Grundschule jeden Montag zu spüren. "Da haben wir alle Mühe, die Aufmerksamkeit auf die Schule zu lenken". Insofern sei es kein Wunder, dass es im Kollegium hohe Fehlzeiten gebe, "die nicht auf die Grippewelle, sondern auf psychische Belastung zurückzuführen sind". Auch Dr. Jan-Hendrik Schneider sieht in den aktuellen Beschwerden "nicht das typische Lehrergejammer". Die Kolleginnen hätten ihre Belastungsgrenze erreicht, sagt der Leiter der Ludwig-Uhland-Schule. Das liege auch daran, dass der Druck auf Schule insgesamt zunehme.

Hilferufe aus heimischen Grundschulen sind auch am Staatlichen Schulamt angekommen. Die Belastungsanzeigen seien weder in der Deutlichkeit noch von der Anzahl her mit den Beschwerden aus Südhessen zu vergleichen, berichtet Volker Karger. "Wir nehmen diese Rückmeldungen dennoch sehr ernst", sagt der stellvertretender Schulamtsleiter, der Probleme vor allem bei der kurzfristigen Abdeckung von Unterrichtsbedarf sieht.

Zum Thema Inklusion, bei dem stark verhaltensauffällige Kinder die Hauptursache für die Probleme an Grundschulen seien, gebe es mittlerweile eine Initiative unter Federführung des schulpsychologischen Dienstes. Damit solle Hilfestellung dabei gegeben werden, wie eine qualitativ bessere inklusive Beschulung gelingen kann.

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