Ob Blick in die weite Welt oder "nur" ein Videochat mit der Nachbarin. Die Digitalisierung wird in Zeiten von Corona immer bedeutsamer. Auch für ältere Menschen. Gießen ist jetzt Digital-Kompass-Standort. FOTO: DPA
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Ob Blick in die weite Welt oder "nur" ein Videochat mit der Nachbarin. Die Digitalisierung wird in Zeiten von Corona immer bedeutsamer. Auch für ältere Menschen. Gießen ist jetzt Digital-Kompass-Standort. FOTO: DPA

Altenhilfeplan fortgeschrieben

Viele Angebote für Senioren in der Stadt Gießen

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Die Fortschreibung des Altenhilfeplans zeigt: Es gibt ein dichtes Netzwerk an Angeboten. Stadt, freie Träger, Kirchen und Vereine arbeiten gut zusammen. Grund zur Sorge gibt es trotzdem. Der Mangel an ambulanten Diensten in Hauswirtschaft und Pflege ist einer davon.

Die Ehefrau ist dement, der Ehemann, der sich normalerweise um sie kümmert, hat sich ein Bein gebrochen. Eine schnelle Lösung ist erforderlich, doch es gibt für solche Fälle keine "erste Hilfe". Friederike Stibane, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, nennt ein Beispiel dafür, wo es klemmt bei der Unterstützung alter Menschen. Sie ist ebenso wie Ines Müller, die Leiterin des Amtes für soziale Angelegenheiten, Mitglied der Steuerungsgruppe "Runder Tisch Älter werden in Gießen, die den städtischen Altenhilfeplan auf den Weg gebracht hat. Die Fortschreibung des Plans aus dem Jahr 2013 wurde soeben vorgestellt. Ähnlich kritisch wie bei Versorgungs-Notfällen sieht es bei Dienstleistungen im häuslichen Bereich und bei der Pflege aus. Nicht nur in der stationären Pflege gibt es einen Fachkräfte- und Mitarbeitermangel, sondern auch im ambulanten Bereich. "Wir können hier leider nur flankierend unterstützen", sagt Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz. Mit Informationen über Anlaufstellen wie die BeKo (Beratungs- und Koodinierungsstelle für ältere Menschen) und den Pflegestützpunkt beispielsweise. Auf die strukturellen Rahmenbedingungen hat die Stadt wenig Einfluss.

Aber es gibt auch zahlreiche positive Entwicklungen, freut sich die OB. Eine davon ist ein Schritt in Richtung Digitalisierung, die durch Corona eine neue Dringlichkeit bekommen hat. Im Seniorentreff Hardtallee wird ein Digital-Kompass-Standort eröffnet. Der Kompass ist ein Verbundprojekt unter anderem der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) und Verbraucherverbänden. In allen sechs Seniorentreffs steigt die Nachfrage nach Hilfe an PC, Smartphone oder Tablett, schildert Müller. Ehrenamtliche Internetlotsen unterstützen künftig Interessenten dabei, mit ihren Geräten besser zurecht zu kommen. Es ist eine Ergänzung zu den bereits bestehenden Angeboten im Seniorentreff Curtmannstraße oder zum Smartphone-Café des Caritasverbandes.

In Gießen, daran erinnerte die OB, gibt es bereits viele Angebote für die unterschiedlichen Bedürfnisse alter Menschen, und zwar sowohl für die aktive Rentnergeneration als auch für hochbetagte Senioren. Senioren, betonte sie, seien keine homogene Gruppe. Dieser Vielfalt trage man Rechnung.

Senioren keine homogene Gruppe

Das bestehende Netzwerk aus freien Trägern, der Kirche und Vereinen hat viel auf den Weg gebracht. Das gilt erst recht, seitdem sich diese Interessenvertreter am "Runden Tisch älter werden in Gießen" zusammengeschlossen haben und die Kräfte gebündelt werden. Mithilfe von Informationsveranstaltungen und einer Fragebogenaktion haben die Akteure zusammengetragen, was Senioren wichtig ist in ihrer Stadt. Dazu gehören alltagspraktische Dinge wie sichere und barrierefreie Gehwege und Zugänge zu Geschäften und Einrichtungen, gute Taktzeiten der Busse und zentrale Einkaufsmöglichkeiten.

Wie schon im ersten Teil des Planes wurde bei der Befragung deutlich, dass wohnortnahe Angebote sowohl für den Einkauf und die Versorgung als auch für die Gestaltung der Freizeit für viele alte Menschen eine große Rolle spielen. Stadtteiltreffs, so hat sich gezeigt, sind eine gute Möglichkeit, der Isolation entgegen zu wirken. Die Treffs werden in der Regel dann zu Orten der Begegnung und Kommunikation, wenn es eine professionelle Koordinationsstelle gibt, die von ehrenamtlichen Helfern unterstützt wird.

Der Altenhilfeplan, daran erinnerte Stibane, enthält zum einen Handlungsempfehlungen an die Stadt, er sei zum anderen aber auch Impulsgeber für die Stadtgesellschaft selbst. "Es ist eine Ermutigung, auch selbst die Initiative zu ergreifen". Als Beispiel nannte sie das Wohnen im Alter. Die Kommune könne es nicht leisten, Mehrgenerationen-Wohngemeinschaften zu organisieren, aber sie könne beratend tätig werden.

Derzeit entstehen in der Stadt 400 neue Sozialwohnungen, aber dennoch ist der Bedarf an kleinen, bezahlbaren, barrierefreien Wohnungen groß. Da viele ältere Menschen in ihrem gewohnten Wohnumfeld bleiben möchten, gestalte sich die Situation auch deshalb schwierig, erläuterte Grabe-Bolz. "Wer im Norden der Stadt wohnt, hat häufig kein Interesse an einer Wohnung im Süden und umgekehrt".

Digital-Kompass

Im Seniorentreff Hardtalles wird ein Digital-Kompass-Standort eingerichtet. Interessenten bekommen hier Hilfe beim Umgang mit Smartphone, PC oder Tablett. Unterstützt wird das Seniorenbüro von den Vereinen Omnes udn Ehenamt Gießen sowie von Schülern der Herderschule und der Alexander-von Humboldt-Schuler. Informationen: www.digital-kompass.de/standort/standort-giessen. Seniorenbüro: Tel. 0641/306 2062.

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