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Rita Haverkamp Prof. für Kriminalprävention

So viel ist sicher

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Gießen(csk). Bahnhofsviertel genießen nicht unbedingt den besten Ruf. Das macht sie für Kriminologen naturgemäß zu umso interessanteren Studienobjekten. Neben Rotlichtmilieus und Verkehrsknotenpunkten gebe es in den vermeintlichen urbanen Problemzonen oft auch Wohnblocks und Parks, erklärte Rita Haverkamp am Donnerstagabend im "Kriminalwissenschaftlichen Praktikerseminar" an der Justus-Liebig-Universität. "Vielfalt in sich wandelnden Stadtvierteln - Stresstest für Kommunen und andere Akteure?" hatte die Professorin für Kriminalprävention ihren Vortrag dementsprechend überschrieben. In erster Linie präsentierte sie den Zuhörern das Forschungsprojekt "Sicherheit im Bahnhofsviertel" (SiBa).

Seit 2018 untersucht ein Wissenschaftlerteam um Haverkamp exemplarisch die Verhältnisse in Leipzig, Düsseldorf und München. Ein Schwerpunkt liege auf sozialen und städtebaulichen Rahmenbedingungen, betonte die Leiterin. Beispiel Sozialstruktur: Je niedriger das durchschnittliche Einkommen, desto unsicherer ein Viertel, könne man nicht ganz zu Unrecht annehmen. Tatsächlich lebten rund um den Bahnhof in der Regel mehrheitlich sozial schwächere Personengruppen. Bei genauerem Hinsehen ergäben sich jedoch immer wieder Überraschungen. So habe das Münchner Viertel nicht zuletzt deshalb relativ viele Einwohner, weil dort etliche Gäste mehrere Monate in Hotels verbrächten. Sobald die Besucher meldepflichtig seien, würden sie, statistisch gesehen, zu Bewohnern. "Dabei sind die alle reich", sagte Haverkamp.

Gefühle passen nicht zu Statistiken

Mit Blick auf soziale Segregation oder Durchmischung fielen die Diagnosen also keineswegs nur eindeutig aus. Städtebaulich rückte die Juristin vor allem zwei sicherheitsfördernde Aspekte in den Mittelpunkt: Beleuchtung und Übersichtlichkeit. Beides sei gleichermaßen günstig und effektiv. Und beides verweise auf eine zentrale Dimension des gesamten Themas: die subjektive Wahrnehmung. Gefühle passten häufig kaum mit Statistiken zusammen, so Haverkamp. Die "Kriminalitätsfurcht" eile der Realität mitunter sogar meilenweit voraus - plötzlich gelte etwa die hohe Polizeipräsenz rund um Bahnhöfe als sicheres Indiz für exorbitante Unsicherheit. Versuche man indes, die Übersichtlichkeit zu erhöhen, könne im Gegenzug die Aufenthaltsqualität sinken. Wie in einem Park, in dem das Stadtgrün gerodet wird.

Zum Vergleich untersuchten die Forscher auch die Gefühle, Einstellungen und Erfahrungen der Menschen in ihrem direkten Lebensumfeld. Ein x-beliebiges Wohnviertel, tagsüber, irgendwo in München - fast schon erschwerte Bedingungen für die Wissenschaft: "Da müssen sie erst mal einen finden, der sich überhaupt ein bisschen unsicher fühlt." Andererseits lägen die Kriminalitätsraten in allen drei Bahnhofsvierteln deutlich unter den Vermutungen. Das gelte jedenfalls für schwere Straftaten wie Raub, Körperverletzung und sexuelle Belästigung. Schließlich komme hinzu, "dass marginalisierte Gruppen oft untereinander Straftaten verüben".

Beleuchtung und Übersichtlichkeit

So seien die Gebiete rund um Bahnhöfe letztlich Orte "äußerst heterogener Interessen", weil "sich da jeder aufhält". Sicherheit bezeichne demgegenüber qua Definition "ein mediales und kommunikatives Konstrukt", das sich besonders durch seine Zukunftsorientierung auszeichne. Das in dem Forschungsprojekt erarbeitete Konzept werde demnach keine "absolute Sicherheit" garantieren. Aber es könne einen wichtigen Beitrag zur Kriminalprävention leisten, unterstrich Haverkamp. Ganz sicher.

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