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Keine Zeit mit der Clique verbringen zu können erleben Jugendliche in der Pandemie als Verlust.

Viel Kreativität statt Frust

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Was macht Corona mit Jugendlichen? Wird es ein prägendes Jahr der Verluste? Oder werden neue Erfahrungen sie stärker machen? Niemand kann das heute schon sagen. Wer wissen will, was junge Menschen bewegt, sollte zuhören, nachfragen und sich mit vorschnellen Ratschlägen zurückhalten, sagt der Psychologe Peter Siemon.

Chillen im Schwimmbad, mit Freunden feiern, tanzen, trinken - das darf in diesem Sommer nicht stattfinden. Jugendliche sind enttäuscht und frustriert. Das ist verständlich. Wie sollten Erwachsene damit umgehen?

Erwachsene sind ebenso enttäuscht und frustriert. Mit Jugendlichen kann man das gut thematisieren. Man kann Verständnis zeigen, sollte nichts beschönigen und auch ruhig mal die eigene Betroffenheit äußern.

"Dass ihr nicht am See feiern könnt, tut mir leid, das ist wirklich schade" ist besser, als auf die vielen Sommer zu verweisen, die noch kommen werden…

Auf jeden Fall. Diese überlegene Warte ist nicht hilfreich. Eine gute Idee kann es sein, Bündnisse zu schaffen. Vielleicht gibt es ein Projekt, was schon länger "auf Halde" liegt und nun angegangen werden kann (Fahrradtour, Reparatur, Tischtennis-Familienturnier etc.). Wir machen etwas gemeinsam!

Jugendliche haben das Gefühl, um wichtige Dinge in ihrem Leben betrogen zu werden. Die Feiern nach dem Abi, der Schüleraustausch in den USA oder "Work and Travel" in Australien, all das fällt flach.Wie kann man da helfen?

Ja, das ist im Einzelfall sehr bedauerlich, das ein oder andere auch nicht nachholbar. Die beschriebene Frustration ist uns aber bisher jedoch weniger begegnet. Bisher hatten wir nicht den Eindruck, dass Jugendliche sich "betrogen" fühlen.

Was erleben Sie stattdessen?

Vielmehr finden wir es spannend, wie kreativ mit der Situation umgegangen wird. Und es ergeben sich auch immer wieder Alternativen. Ein 17-jähriger Realschüler berichtete mir, dass der geplante Afrika-Aufenthalt mit der Schule zur Unterstützung eines Hilfsprojektes vor Ort wegen Corona abgesagt werden musste. Für dieses Projekt hatten sich in der Klasse mehrere Jungen und Mädchen über ein Jahr lang mit ihrem Lehrer vorbereitet und ganz viel Zeit investiert. Nun gab es im Nachgang das Versprechen der Schulleitung, dass dieses Unterfangen im nächsten Jahr nachgeholt werden soll - damit hatte man zunächst nicht gerechnet.

Es gehört zum Erwachsenwerden, sich etwas zuzutrauen, Dinge zum ersten Mal zu tun und sich von den Eltern abzunabeln. Das alles wird verschoben. Auch die erste Liebe ist mit 1,5 m Abstand schwierig. Drohen hier ernsthafte Krisen?

Die Mehrheit von uns ist vermutlich gut gerüstet, negative Zeiten wie die jetzigen ohne gravierende psychische Folgen zu verkraften. Und es bleibt zu hoffen, dass ein Teil der Jugendlichen sogar gestärkt oder mit neuen Erkenntnissen, z. B. im Umgang mit der eigenen Gesundheit, diese Phase meistern wird.

Welche neuen Erkenntnisse könnten das sein?

Da ist einiges vorstellbar. Zum einen könnte der Einschnitt ein persönliches Stoppsignal sein, das Impulse gibt, bisherige Verhaltensweisen zu überdenken. Man kann überlegen, wie man beispielsweise bisher mit Freundschaften umgegangen ist oder Dinge wertgeschätzt hat.

Die Chance der Krise wäre eine neue Nachdenklichkeit oder Sensibilität…

Ja. Wir alle wähnten uns ja bis vor Kurzem in einem Gefühl der Sicherheit und scheinbaren Unverwundbarkeit. Dieses Gefühl ist erschüttert, und das kann uns zu neuen Einsichten führen.

"So wie Ältere durch den Krieg geprägt wurden, werden wir vielleicht durch Corona und die Klimakatastrophe geprägt", sagte kürzlich ein Jugendlicher im Interview. Er empfindet diese Zeit offenbar als große Last in seinem Leben. Wie kann man dem begegnen?

Das ist sicher ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, genau zuzuhören, um wirklich zu verstehen, was er mit dieser Aussage verbindet. Wenn Sie in den letzten Jahren in der Beratung einmal die Erlebnisse von syrischen jungen Erwachsenen auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Trennung von der Familie mitbekommen haben, dann relativiert sich dieser Vergleich sicher etwas. Vielleicht hat er das aber auch anders gemeint, zum Beispiel, dass diese beiden Themen generell und aktuell eine große Bedeutung für die junge Generation haben und die persönlichen Lebensumstände erheblich beeinflussen können.

Also besser noch mal genau nachfragen als darauf hinzuweisen, dass ein Krieg unfassbare Gewalt und Terror mit sich bringt..

Auf jeden Fall. Besser nicht voreilig mahnend den Finger heben. Wenn er tatsächlich gemeint hat, dass die derzeitige Situation mit Kriegserleben vergleichbar ist, kann man die eigene Irritation ruhig ansprechen und seine Sichtweise hierzu erläutern. Deshalb ist es wichtig, zu erfahren, was genau mit dem Vergleich ausgedrückt werden sollte, erst dann ist man wirklich "im Gespräch".

Dann stimmt es Ihrer Wahrnehmung nach, dass zu viel über die Befindlichkeiten von Jugendlichen, aber zu wenig mit ihnen gesprochen wird?

Ich denke, da ist etwas dran. Sehr schnell ist man gerade in diesen Zeiten mit guten Ratschlägen und Tipps dabei. Dies ersetzt aber nicht die Beschäftigung mit dem Einzelnen und die Bereitschaft, erst einmal gut zuhören zu wollen.

Derzeit sehen sich die Jungen und Mädchen weder in der Schule noch beim Sport. Kontakte über soziale Medien sind hilfreich, aber kein Ersatz. Was tun?

Was für uns Erwachsene noch immer neu und ungewohnt ist, ist für viele Jugendliche Normalität; online chatten, online spielen, Telefonate oder sogar Gruppenchats am PC, Tablet oder Handy. Da gibt es auch in der Pandemie-Zeit keinen Unterschied. Und treffen mit dem besten Freund oder der besten Freundin konnte man sich ja, immer. Eine Mutter erzählte mir ganz erfreut, dass sich ihre Tochter seit sehr langer Zeit zu einer Fahrradtour mit ihrer Freundin verabredet hätte.

Aber die Clique fehlt, die in der Pubertät so wichtige Gruppenzugehörigkeit.

Das stimmt, da braucht man auch nichts schönreden.

Lehrer und Trainer im Sport kennen die ihnen anvertrauten Jugendlichen, sie sehen im Idealfall, wenn etwas nicht stimmt. Dieses pädagogische Korrektiv fällt nun weg. Wie schätzen Sie das ein?

Dieses Korrektiv ist wichtig und erweitert den Entwicklungsspielraum von Kindern und Jugendlichen. Dennoch sehe ich keine prinzipielle Gefahr für die Entwicklung, wenn das pädagogische Lern- und Spielumfeld einmal pausiert. Eine Ausnahme hierbei sind sicherlich zugespitzte Fälle von Kindeswohlgefährdungen, die bei den aktuellen Einschränkungen aus dem Blick geraten können - mit zum Teil gravierenden Folgen.

In vielen Familien herrscht derzeit dicke Luft. Jeder geht jedem auf die Nerven. Was sollten Eltern vermeiden, und was raten Sie ihnen?

Am wichtigsten für die Eltern aus meiner Sicht: einen Plan machen; wer macht was wann, wie kann das gehen? Miteinander absprechen. Und ruhig auch mal fünfe gerade sein lassen…

Eröffnet das Zusammenrücken auch Chancen? Kann es Eltern und Kinder einander näherbringen?

Unbedingt, da sprechen Sie mir aus der Seele. Trotz aller Ängste und Schwierigkeiten, die Corona leider mit sich bringt: Unser Eindruck im Team ist, dass ganz viele Familien - Eltern wie Kinder und Jugendliche - erstaunlich gefasst sind und sich z. B. ganz selbstverständlich an die Abstands- und Hygienevorschriften halten. Das Mehr an Zeit zu Hause scheint so manches im Familienalltag zu entschleunigen und zu beruhigen. "Ich habe mich in den letzten Wochen so wenig wie schon lange nicht mehr mit meiner (pubertierenden) Tochter gestritten", so eine Rückmeldung am Telefon. Dennoch muss man auch hier wieder sehen, dass eine Verallgemeinerung selten möglich ist. In Familien, wo Betreuungsnotstand herrscht, kann dies ganz anders aussehen.

Wie haben sich die Themen in der Beratungsstelle verändert?

Wir haben von Anfang an unser Beratungsangebot sehr flexibel gestaltet, um schnell auf aktuelle Anfragen reagieren zu können. Diese Anfragen sind auch gekommen - jedoch weniger als zunächst gedacht. Überrascht waren wir im Einzelfall, welche speziellen Auswirkungen Corona-Ängste auf Kinder haben können - z. B. dann, wenn Teenager die Verschlimmerung einer bestehenden Angststörung beim eigenen Vater mit kompensieren müssen. Bei der Mehrzahl der Anfragen stehen jedoch übliche Anlässe im Vordergrund, das Corona-Geschehen tritt eher nebensächlich auf.

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