Viel Applaus für von Flotows "Alessandro Stradella" im Stadttheater

"Großer Sänger, Mädchenfänger": Friedrich von Flotows Oper "Alessandro Stradella" feiert im Stadttheater Premiere. Bunter Faschingsklamauk trifft auf bravouröse Solisten.

"Helau" mag man rufen angesichts der venezianischen Narren mit ihren prächtigen Masken und Kostümen, die sich unter einer rotierenden Ilja-Richter-Gedächtnis-Discokugel auf der Bühne des Stadttheaters tummeln. Folglich lässt sich alles als quirliger Faschingsscherz werten, als zweistündiger Klamauk für kurzweiliges Plaisir. Dabei hat Regisseur Roman Hovenbitzer mit Hermann Feuchter (Bühne), Bernhard Niechotz (Kostüme), Tarek Assam (Choreografie) und Manfred Wende (Licht) lange an den Details gefeilt.

Da sind die Holzkisten im ersten Akt, die mit ihren Einsatzmöglichkeiten Schabernack ermöglichen und sowohl die Bühnentiefe als auch deren Höhe ausloten, als Leonore in einer Kiste mit der Aufschrift "Vorsicht, Kunst" minutenlang unter der Decke baumelt und aus einem Loch in der Kiste heraus bravourös singt. Wenn dann blau illuminierter Trockeneisnebel über den Bühnenboden wabert (ein bisschen mehr davon, bitte, damit es tatsächlich nach Wasser aussieht), wird die Szenerie plötzlich zu einer Kahnpartie auf den Kanälen Venedigs.

Im zweiten Akt gilt es, die prächtigen Prospekte à la Rubens und Raffael zu würdigen, die Stradellas Promi-Domizil zieren, und das bunte Allerlei, das vom Schnürboden herabgelassen wird, samt den pyrotechnischen Effekten, die ihrerseits "Helau" rufen.

Die Premiere des romantisch-komischen Oper "Alessandro Stradella" von Friedrich von Flotow entpuppte sich am Samstagabend als ein Stück Ringelpietz mit Anfassen im Operettenstil. Es ist ein Parforceritt für den barocken Frauenverführer Stradella, der Sänger und Komponist war. Damit das jeder merkt, geigt Stradella allenthalben auf einem Holzcello herum oder schmachtet in die Klarinette. Dazu trägt Leonore ein Noten-Tattoo auf ihrem entzückenden Rücken samt Cello-Symbol, weil das Cello seiner Form wegen das weiblichste aller Instrumente ist. Und allenthalben wehen Notenblätter als wollüstige Tänzerinnen durchs Gemach.

Hovenbitzer zieht Stradella durch den Kakao. Mal ist der Sänger Popstar mit goldenen Schallplatten, mal ein Heilandimitat beim Abendmahl mit überdrehten Jüngern. Dieser Casanova, bei dessen Stimmklang alle schwach werden, sieht mit wallender Perücke aus wie ein zu großer Milos-Forman-Amadeus. Hovenbitzer, jüngst mit der "Großmütigen Tomyris" am Stadttheater erfolgreich, serviert subversiven Humor der Marke Monty Python und ein Paar frühreife Früchtchen als Tutti-Frutti-Quartett (Mitglieder der Showtanzgruppe Soul System aus Hungen). Doch keine Bange: Niemand entkleidet sich. Warum eigentlich nicht, wenn alle so lasziv tun bis zum Komatösen?

Im dritten Akt geht dem Regisseur in puncto Optik die Fantasiepuste aus. Die meisten Details sind gezeigt, lediglich der eifrige Einsatz der Drehbühne macht eine Dynamiksteigerung möglich. Doch da ist noch das Libretto. Weil das Stück als Persiflage aufs eigene Metier begriffen werden soll, hat das Regieteam den Text des Originals geändert. Das gelingt unmerklich – die Oper ist ja eine Ausgrabung, die kaum jemand kennt. Plötzlich singt Stradella zu Beginn des finalen Akts permanent von "Theaterluft", wenn es "Italia, mein Vaterland" heißen muss.

Danach wird der Tenor in bester Zeitlupen-Showdown-Manier von zwei Ganoven erschossen: von Malvolino (perfekt: Matthias Ludwig) und Barbarino (leidlich: Wojtek Halicki-Alicca). Nun heißt es: "Er ist tot." Ein Satz, der im Libretto des Friedrich Wilhelm Riese nicht vorkommt. Also steht Stradella wieder von den Toten auf und fährt mit seiner Leonore per güldenem Aufzug gen Himmel. Helau und Narrhallamarsch.

Und die Musik? Sie klingt spritzig, fidel und frohlockt im Niemandsland zwischen Weber und Wagner. Es gibt zwei potenzielle Hits, von denen einer des Tempos wegen in den Lagunenwellen untergeht: Beim Ganoven-Duett "An dem linken Strand des Tiber" mit der genüsslichen Zeile "Großer Sänger, Mädchenfänger" hält Jan Hoffmann als musikalischer Leiter im Graben die Zügel zu straff. Parlandostil hin oder her – von der Süffisanz des Themas bleibt nicht viel. Anders das "Hört die Glocken freundlich locken", mehrfach prägnant gesungen vom Chor und Extrachor des Hauses – die Nummer zwei auf der Hitliste dieser Oper.

Das Philharmonische Orchester spielt prächtig auf, Hoffmann variiert klug die Lautstärke und lässt den Sängern (bis auf den zweiten Durchgang) Zeit zum Ausformulieren. Wunderbar: Das Klarinettensolo im ersten Aufzug von Anna Deyhle. Dass im Stück der Cancan von Offenbach und ein wenig "Auf in den Kampf"-Bizet aufblitzen, könnte man dem Komponisten als Epigonentum ankreiden. Doch den "Stradella" (1844) gab’s früher als den "Orpheus" (1858) und die "Carmen" (1875).

Gut artikulierend mimt Stephan Bootz mit abgründigen Tiefen den erzürnten Vormund Bassi. Deutlich besser als bei der Matinee präsentiert sich Corey Bix in seiner Gießen-Premiere als Stradella. Das Überpacen in waghalsigen Höhen gelingt ihm ein ums andere Mal, um der Komik Nachdruck zu verleihen. Anna Gütter, ebenfalls zum ersten Mal in Gießen zu Gast, spielt und singt eine bezaubernde Leonore. Stimmlich keck, mit flirrenden Koloraturen, gewinnt die zierliche Sopranistin die Herzen der Zuschauer. "Alessandro Stradella" ist ein gelungener, überdrehter Spaß zur rechten Zeit am rechten Ort. Langer Applaus vom ausverkauften Haus.

Manfred Merz

"Alessandro Stradella" am 28. Januar im Stadttheater

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