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Der Drogenspürhund der Polizei in den angemieteten Räumen in Gießen, in denen der Drogendealer eine Plantage betrieben haben soll.

»Vice«-Dealer mit Plantage im Büro

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Polizei und Staatsanwaltschaft ist am Mittwoch ein spektakulärer Fahndungserfolg gelungen: Sie haben den Drogendealer verhaftet, der sich für einen Magazin-Beitrag bei seinen illegalen Geschäften in Gießen filmen ließ. Nun haben die Ermittlungsbehörden weitere Details preisgegeben.

Viele bei Polizei und Staatsanwaltschaft haben so etwas wie eine Ermittlerehre: Sie wollen Fälle lösen und Straftäter dingfest machen. Man wird sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn man die These aufstellt, dass der Ehrgeiz der Ermittlerinnen und Ermittler nach der Veröffentlichung eines Videos des Berliner »Vice«-Magazins besonders geweckt wurde. Darin begleitet ein Kamera-Team einen Drogendealer mit dem Pseudonym »Banks« bei seinen Geschäften in Gießen. Er sagt dort unter anderem: Seine illegalen Geschäfte seien nicht riskant, weil die Polizei die Kontrolle über den Drogenhandel in der Stadt verloren habe. Zumindest in seinem Fall wird der 26 Jahre alte Mann zurückrudern müssen.

Denn am Mittwoch klickten bei ihm sowie bei einem 24 Jahre alten Mann und einer 25 Jahre alten Frau in Wettenberg die Handschellen. Die beiden Männer wurden gestern einem Haftrichter beim Amtsgericht vorgeführt. Es besteht der dringende Verdacht des Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge. Die Frau wurde wegen eines fehlenden Haftgrunds bereits am Mittwoch entlassen. Der Haftbefehl gegen den 24 Jahre alten Tatverdächtigen wurde unter Auflagen außer Vollzug gesetzt.

Die Polizei war dem Dealer durch sein Mitwirken in dem 15-minütigen »Vice«-Video auf die Schliche gekommen. Der Beitrag war im Sommer 2020 gedreht und Anfang 2021 veröffentlicht worden. Dort präsentiert sich »Banks« mit weißer Sturmhaube maskiert als geläuterter Dealer. Er wolle aussteigen, weil chemisches Gras den Markt überschwemme. Der Chemiecocktail sei gefährlicher und mache abhängiger. Bei »Banks« soll es sich um den 26 Jahre alten Beschuldigten handeln. In dem Video ist außerdem ein weiterer Mann zu sehen, der große Mengen Cannabis verpackt. »Hierbei handelt es sich nach der aktuellen Erkenntnislage um den 24 Jahre alten Beschuldigten«, teilt Staatsanwalt Thomas Hauburger mit.

TIG und Mieter distanzieren sich

Zwar wird in dem mittlerweile über eineinhalb Millionen Mal geklickten Video die Stadt nicht genannt, in der »Banks« seinen illegalen Geschäften nachgeht. Doch einige Örtlichkeiten sind leicht zu erkennen: So fährt der maskierte »Banks« am helllichten Tag an der Agentur für Arbeit an der Nordanlage vorbei und lässt sich bei einem Drogengeschäft in einem Hochhaus an der Pater-Delp-Straße in der Weststadt begleiten.

Die Polizei durchsuchte am Mittwoch mit Unterstützung eines Drogensuchhundes neben den Wohnungen der drei Tatverdächtigen auch angemietete Räumlichkeiten in Wettenberg und Gießen. Eine Durchsuchung fand im Technologie- und Innovationszentrum Gießen (TIG) an der Kerkrader Straße statt. Die Ermittler fanden dort eine »offenbar professionell betriebene Plantage mit entsprechendem Equipment«. 100 Hanfpflanzen stellten die Beamten sicher. In der Wohnung des 26 Jahre alten »Banks« fanden sie außerdem 1300 Gramm Marihuana, XTC-Tabletten sowie eine Softair-Pistole. »Die Drogen waren bereits teils verkaufsfertig verpackt«, sagt Hauburger.

Der Geschäftsführerin des TIG, Antje Bienert, verweist auf die Vielzahl von anderen Gründern und Kleinunternehmen, die dort Räume angemietet haben und so eine kostengünstige Chance bekommen, wirtschaftlich Fuß zu fassen. Etwa 370 seien das seit der Eröffnung des Gründerzentrums 1996 gewesen. »Neben diesem einen schwarzen Schaf haben wir aktuell über 90 Start-ups und Unternehmen, die sich ganz klar von solchen Machenschaften distanzieren«, betont sie. Der Beschuldigte sei wie alle anderen Mieter des TIG geprüft worden, habe Formulare ausgefüllt und Unterlagen vorgelegt. »Aber Sie können den Menschen nicht in den Kopf schauen.«

Hinzu kommt ein weiterer Umstand: Das Zentrum tritt als Vermieter der Räumlichkeiten auf und darf - wie andere Vermieter auch - nicht einfach so in die Räumlichkeiten seiner Mieter spazieren und anlasslos kontrollieren.

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