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Vandalismus in der Goethestraße: Eine Anwohnerin ist leidgeprüft.

Nahe der Ludwigstraße

Vandalismus in Gießens Innenstadt: Müll und Zerstörung „fast der Normalzustand“

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Blumenkästen auf dem Boden, Pflanzen herausgerissen. Anwohner nahe der Gießener Ludwigstraße müssen solche Zerstörungen seit Jahren hinnehmen. Eine Lösung gibt es nicht.

Gießen – Üppig blühende Rosen klettern an der Fassade empor, an den Balkonen hängen bunt bepflanzte Kästen, eine Skulptur grüßt von oben. Das Jugendstilhaus in der Goethestraße 25 ist ein Hingucker. Seit 1981 lebt Familie Rethorn dort. Schon immer hat Hanna Maria Rethorn Freude daran gehabt, dem tristen Straßenbild mit Pflanzen und Deko etwas entgegenzusetzen. Und schon immer kam es vor, dass etwas geklaut wurde, dass Flaschen und Müll auf Fenstersimsen und im Gebüsch entsorgt wurden. »Das kommt eben vor, wenn man in der Innenstadt lebt«, sagt die frühere Tierärztin. Ihr liege es auch fern, jungen Leuten das Feiern vermiesen zu wollen. Doch Lärm und Vandalismus hätten ein Ausmaß angenommen, das sie besorgniserregend finde. Müll und Zerstörung seien »fast der Normalzustand«. Ihr Haus liegt in der »Ein- und Ausflugschneise« der Kneipen- und Ausgehmeile Ludwigstraße. Grölende Gruppen zögen insbesondere am Wochenende durch die Straßen und hinterließen mehr als eine Spur der Verwüstung.

Anwohnerin erlebt Polizei bei Vandalismus in Gießener Innenstadt als hilflos

Rethorn fragt sich, wohin eine Gesellschaft steuert, in der Achtung und Respekt voreinander und vor fremdem Eigentum keine Rolle mehr spielen. »Das spielt rechten Gruppen in die Hände, die versprechen, auf den Tisch zu hauen«. Ordnungspolizei und Polizei erlebt sie hilflos. »Wir können nicht überall sein«, lautet die Antwort, wenn sie um Unterstützung bittet. Das kann sie nachvollziehen, dennoch erwartet Rethorn, dass die Bürger mit diesen Anliegen nicht allein gelassen werden.

Claudia Boje, die Pressesprecherin der Stadt, erinnert daran, dass die nächtliche Aktivität einzelner Gruppen und die damit verbundene Kontrolle die Stadt derzeit stark beschäftige, wie die Beispiele Uni-Vorplatz und Lahnwiesen zeigten. Ob diese Aktivitäten auch unmittelbar mit dem stärkeren Vandalismus zusammenhingen, werde beobachtet.

Trotz Vandalismus in Gießener Innenstadt: Anwohnerin will auf Blumen nicht verzichten

Eine einfache Lösung gebe es für dieses gesellschaftliche Problem sicher nicht. »Es gibt Regeln, die garantieren sollen, dass eine Stadtgesellschaft friedlich zusammenleben kann. Leider werden diese Regeln nicht immer und überall beachtet«. Aber jeder habe auch die Aufgabe, selbst daran mitzuwirken. Dazu zähle, dass man sein Eigentum gegen Zerstörung oder Entwendung sichern sollte, zum Beispiel bei Fahrraddiebstahl oder Vandalismus auf dem Friedhof.

Was heißt das im Fall der Goethestraße, in der nicht nur Rethorns, sondern auch die Nachbarschaft regelmäßig die Töpfe und Pflanzen erneuern muss? Die Kästen, die jetzt auf dem Gehsteig liegen, waren aus Beton. Es ist ein Kraftakt, sie von den Simsen zu reißen. Kästen aus Kunststoff oder Ton benutzen Rethorns nicht mehr, seit sie sie in der Wieseck oder auf Autodächern wiederfanden. Eine folgerichtige Konsequenz wäre es, ganz auf Blumen zu verzichten. Rethorn war schon öfter nahe daran, doch sie will nicht kapitulieren. Sie wisse, dass nicht nur ihre Familie, sondern auch Nachbarn und Passanten sich daran erfreuten. Die 72-Jährige sagt: »Ich finde es frustrierend, dass die Freiheit immer nur den Idioten gehört, aber die vernünftigen Bürger damit in ihrer Freiheit eingeschränkt werden.«

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