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Vorsitzender Roland Jankofsky (l.) und Kuno Kutz legten am Gedenkstein in Kleinlinden einen Kranz nieder.

Vertriebene erinnern sich und mahnen zum Frieden

  • VonKlaus-Dieter Jung
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Gießen (rc). 75 Jahre Vertreibung, 70 Jahre Bund der Vertriebenen (BdV) Ortsverband Kleinlinden/Leihgestern und 41 Jahre Gedenkstein waren kürzlich ein dreifacher Anlass für den Ortsverband, zu einer Gedenkstunde vor dem Gedenkstein Am Bacheler einzuladen. Viele Gäste kamen in das eigens aufgebaute Zelt, um an die Vertreibung vor 75 Jahren sowie an die schwierigen Anfangsjahre zu erinnern.

Vorsitzender Roland Jankofsky ging in seiner Rede auf die Charta der deutschen Heimatvertriebenen ein, in der es unter anderem heißt: »Wir Heimatvertriebene verzichten auf Rache und Vergeltung«. Dieser Satz sei aus seiner Sicht wichtig. Nur in dauerhaftem Frieden könnten sich Bildung, Kultur und Wirtschaft positiv entwickeln und zu allgemeinem Wohlstand führen - »nicht durch Bombardements«. Jankofsky erinnerte daran, dass 15 Millionen Menschen vertrieben wurden und über zwei Millionen davon während der Flucht unmittelbar nach Kriegsende »bei den wilden Vertreibungen« und auch danach ums Leben kamen. Im Potsdamer Abkommen heiße es, die Überführung der deutschen Bevölkerung habe »in ordnungsgemäßer und humaner Weise« zu erfolgen. Der Redner erläuterte, dies seien jeweils Transporte in Viehwaggons, 40 Stück mit jeweils 30 Personen, also 1200 Menschen gewesen.

Unerträgliche Enge

Auch in Gießen kamen solche Transporte an, die auf die umliegenden Orte verteilt wurden. Leihgestern hatte 1946 etwa 2000 Einwohner, rund 1000 Vertriebene wurden dem Ort zugewiesen. »Die Enge war unerträglich«, so Jankofsky. Die Vertriebenen bauten später Häuser und es entstand der Ortsteil »Mühlberg«. Auch in Lützellinden kamen Vertriebene an. In den alten Bauernhäusern lebten fünf oder mehr Personen in einem Zimmer. Doch schon 1949 bildete sich eine Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft aus den Reihen der Vertriebenen. Ab 1951 entstand die Siedlung Markwald ausschließlich von und für Vertriebene.

Am schwersten mit der Eingliederung hätten es die Bauern gehabt, die ihre Existenz und den Beruf verloren hatten. Doch ansonsten sei die ganze Palette der Bauberufe abgedeckt worden: Architekten, Ingenieure und Handwerker. Mit ihrer Hilfe sei es möglich gewesen, die zerbombten Städte wieder aufzubauen - integriert in die hiesige Bevölkerung.

Vorläufer des BdV Kleinlinden/Leihgestern war die Arbeitsgemeinschaft Heimatvertriebener, Ortsgruppe Gießen, am 4. April 1950 entstand die Ortsgruppe Kleinlinden. Vorsitzender wurde Gerhard Kilian. Roland Jankofsky erinnerte: »Das war die erste Generation, die als erwachsene Menschen die Vertreibung am stärksten erlebt haben.« Vom damaligen Vorstand lebt niemand mehr. Vor über 40 Jahren entstand beim BdV Vorstand der Wunsch, einen Gedenkstein an die alte Heimat aufzustellen. Vorbild war ein ähnliches Exemplar in Niederkleen. Eingeweiht wurde er im September 1980. Die Stadtgärtnerei hilft dem BdV bei der Pflege, dankte der Vorsitzende.

Die Ankunft 1946

Edwin Engel, Leiter des Heimatmuseums Gießen-Lützellinden und kein Zeitzeuge, schilderte in seinem Vortrag die Ankunft der Vertriebenen im Jahr 1946 in Lützellinden, 481 Menschen aus dem Sudetenland fanden eine vorübergehende Bleibe im landwirtschaftlich geprägten Dorf. Dort hieß es, die Gemeinde sei mit einem Einwohnerzuwachs von über 27 Prozent stark überbelegt.

Das Gedenken an die Toten verband der Vorsitzende des Kreisverbandes Wetzlar, Kuno Kutz, mit einem Grußwort. Stadträtin Gerda Weigel-Greilich und Ortsvorsteher Klaus-Dieter Greilich übermittelten Grußworte.

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