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Vertrautes in neuer Sicht

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Dieses Bild ist eine Entdeckung im Oberhessischen Museum: "Gießen von der Liebighöhe" von Hellmuth Mueller-Leutert. Und es ist ein willkommener Anlass, den Maler und sein Werk vorzustellen.

Das Bild misst gerade einmal 21 mal 27 Zentimeter und riskiert damit, leicht übersehen zu werden. Hat es aber erst einmal Aufmerksamkeit geweckt, zieht es in seinen Bann: Das kleine Ölgemälde "Gießen von der Liebighöhe" von Hellmuth Mueller-Leutert (1892 bis 1973) ist nämlich eine der schönsten, bezauberndsten Ansichten der Stadt von Künstlerhand. Entstanden 1928 offenbart es Verwandtschaft zur Neuen Sachlichkeit, die damals auf ihrem Höhepunkt angelangt war. Zu bewundern ist es im Alten Schloss in der Sammlung des Oberhessischen Museums.

Ein geheimnisvolles Strahlen geht von der Ansicht auf die still und friedlich daliegende Stadt aus. Wie der Titel sagt, blickt der Betrachter von der Liebighöhe herab auf das Gießen der Vorkriegszeit, aus dem der Turm der Stadtkirche herausragt. Es öffnet sich ein weiter, farblich unterkühlter Landschaftsraum von eigentümlicher Sogwirkung. Felder und Äcker im Vordergrund erscheinen als streng voneinander geschiedene Farbflächen, durch die sich die Linie einer von Telegrafenmasten gesäumten Straße zieht. Mit dieser Linie wiederum korrespondiert der Verlauf der Hügelkette von Gleiberg, Vetzberg und Dünsberg in der Ferne. Der Maler hat die Farbflächen des Geländes so geschichtet und verdichtet, dass sich die vertraute Landschaft aus einer ungeahnt neuen Sicht darstellt.

Damit rührt Mueller-Leuterts Gemälde an einen Grundzug der Neuen Sachlichkeit, die als Stilrichtung der Malerei vor etwa hundert Jahren als Reaktion auf den Gefühlsüberschwang des Expressionismus hervortrat. Die Maler der Neuen Sachlichkeit wollten die Realität objektiv und genau wiedergeben. Dabei konnte die dargestellte Wirklichkeit durch Überschärfe durchaus einen surrealen, ja unheimlichen Charakter annehmen.

Staffelei und Fabrik

Hellmuth Mueller-Leutert, dessen Vater in Gießen eine Zigarrenfabrik führte, gelangte auf Umwegen zur Malerei. Zunächst studierte er Medizin, doch als er das Physikum in der Tasche hatte, brach der Erste Weltkrieg aus. Als Leutnant und Flugzeugführer kehrte er aus dem Krieg heim und studierte Landwirtschaft. Mit 28 Jahren heiratete er Elsbeth Leutert und nahm ihren Namen an. Ihr Vater war Medizinprofessor Ernst Leutert, der Begründer der Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin in Gießen.

Nun fand er als Maler endlich Zeit für seine eigentliche Berufung. In Frankfurt nahm er bei Landschaftsmaler Hermann Treuner Unterricht und orientierte sich an Edvard Munch, Emil Nolde und vor allem Max Beckmann. Nach dem Tod des Vaters übernahm er die Zigarrenfabrik und gewann damit das materielle Fundament für sein Künstlerleben. Mueller-Leutert gehörte 1943 zu den Gründern des Oberhessischen Künstlerbundes und wurde Mitglied in der Vereinigung Willingshäuser Maler. Sein Haus in der Marburger Straße wurde zum Treffpunkt vieler Freunde, darunter der Schriftsteller Alfred Bock und die Malerin Lotte Bingmann-Droese. Zahlreiche seiner Arbeiten fielen den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs zum Opfer. Die Fabrik und das Wohnhaus lagen nach der Bombardierung im Dezember 1944 in Trümmern, und der einzige Sohn, der wie sein Vater bei der Luftwaffe Soldat war, wurde über München abgeschossen. Nach dem Krieg zog das Ehepaar in die Villa Leutert, dem Haus der Schwiegereltern.

Die stille, friedliche Welt, die der Maler bis dahin in seinen Bildern eingefangen hatte, war durch die Kriegserlebnisse unwiederbringlich verloren. Aus dem Krieg schrieb er an seine Frau: "Jeder Schritt, den man tut, ist begleitet von dem zerbrochenen und zersplitterten Glas. Wenn ich je wieder rauskomme, will ich nur noch malen."

Schenkung von 1980

Er kam raus, malte - und wandte sich der Abstraktion zu. Waren es früher vorwiegend die Stillleben, Porträts und Motive seiner hessischen Heimat, so zog ihn jetzt das Meer an. Er schuf großflächige, streng gegliederte und zum Teil abstrahierte Ostseebilder, die bereits auf die entscheidenden Elemente seiner künftigen Arbeit hinwiesen: auf Farbfläche und -rhythmus. Gegenstände und Landschaften lösten sich auf; Rot, Gelb, Blau, Weiß und Schwarz waren in mächtigen Farbblöcken gegeneinander abgesetzt.

Hellmuth Mueller-Leutert starb 1973 in seiner Heimatstadt und ist auf dem Alten Friedhof begraben. Seine neusachliche Gießen-Ansicht gelangte durch seine Witwe ins Oberhessische Museum, als Elsbeth Leutert 1980 dem Museum 20 Werke ihres Mannes schenkte und noch 25 000 Mark zur Pflege des Nachlasses dazu gab. So kann sich der Betrachter auch heute noch an dem reizenden Bild erfreuen. Seine Entdeckung lohnt sich allemal. Gelegenheit dazu besteht fast immer. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

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