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Die akademisch geprägte Laien-Theatergruppe Frustschutz sorgte in den 1980er Jahren für kabarettistisches Vergnügen. FOTO: DKL

Verträgliches Breitbandpolitikum

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Sie wollten politisches Theater machen. Aber auch etwas zum Lachen, Satiren, Persiflagen oder gar Kabarett. Die Laien-Gruppe Frustschutz war in den 1980er Jahren in Gießen und Umgebung Kult. Ihre Geschichte ist ein Aspekt der aktuellen, wenn auch momentan nicht zugänglichen Ausstellung "Feuer und Flamme für diese Stadt" im Oberhessischen Museum.

Auch die 80er Jahre waren bewegte Zeiten, wie die aktuelle Plakate-Ausstellung im Oberhessischen Museum wieder deutlich vor Augen führt, wenn auch momentan wegen Corona nicht zu sehen. Das Jahrzehnt war geprägt von der Friedensbewegung, Anti-Atomkraftbewegung und von der vielfältig sich organisierenden Frauenbewegung.

Das alles hinterließ Spuren im Kulturbereich. In Gießen sorgte eine akademisch geprägte Laien-Theatergruppe für kabarettistisches Vergnügen. Ihr Name war Programm: "Frustschutz". Die Premiere fand am 24. April 1980 in der Uni-Aula statt, die Veranstaltung organisierte der AStA. Das Publikum war begeistert von den Ideen und eigenen Texten. Die anfangs zehnköpfige Gruppe setzte sich zusammen aus Studierenden, "aus arbeitenden und arbeitslosen Lehrern" (das gab’s damals!), einem Industriekaufmann, einem Agrarier und einer Medizinerin.

Sie spielten auf diversen studentisch geprägten Bühnen, aber auch auf der Stadttheater-Studiobühne, damals noch in der Zigarrenfabrik. Weitere Auftrittsorte waren das Kino-Traumstern in Lich, das Stadthaus in Wetzlar, das Theater neben dem Turm in Marburg. Auch Open-Air-Veranstaltungen gehörten dazu. Sie reisten bis in die Theaterfabrik Koblenz, ins Theater am Turm Frankfurt, in das Kulturzentrum Schlachthof in Kassel, zu den Amateur-Theater-Tagen in Hanau.

Es gab insgesamt fünf Programme, beginnend 1980 mit "Na endlich!" und endend 1988 mit "Sonst noch Fragen?", das sich mit der 68-Generation befasste und was aus ihr geworden ist.

Ursprungsort der Frustschutz-Gruppe war das Heuchelheimer "Treppchen". Dort fanden die ersten Treffen dieser "Mischung aus Schwaben und Hessen" statt. Am Anfang stand die Lust Theater zu spielen, wobei man zunächst die Einstudierung ernsthafter Stücke im Sinn hatte, doch scheiterte die Einstudierung des Dürrenmatt-Stücks "Romulus der Große" an "mangelnder personeller Kapazität".

Sie wollten politisches Theater machen, aber "etwas zum Lachen, Satiren, Persiflagen oder gar Kabarett." Also schrieben sie ihre Texte selbst, einen Großteil verfasste Claus Schmidt-Leibold. Es entstanden Szenen und Sketche zu aktuellen gesellschaftlichen Themen und dem "progressiven Alltag" der alternativen Szene. Als zwei spielfreudige Musiker dazustießen, wurde das Aufführungskonzept erweitert um Liedbeiträge, was oft hieß: bekannte Songs mit neuen Texten. Bezeichneten sie ihre Bühnenform zu Beginn als "Theater-Revue", charakterisierten sie sich später als "linkes Kabarett mit einem Schuß Klamauk".

Politisches Theater zum Lachen

Ihre Selbstempfehlung lautete so: "In dieser, unserer Zeit tut Frustschutz besonders Not. Bei Grübelei, Hektik, Weltverdrossenheit und politisch verursachter Depression wirkt Frustschutz sofort und anhaltend. Die seit Jahren bewährte Wirkstoffkombination aus Sketchen, Liedern und Szenen befreit von Lethargie und erhöht Leistungsbereitschaft und Abwehrkräfte. (…) Frustschutz fördert bei einigen Zielgruppen die Denkfähigkeit." Und falls es "vereinzelt zu Schockreaktionen" komme, sei dies beabsichtigt. Frustschutz könne als "gut verträgliches Breitbandpolitikum" angesehen werden. In Anspielung auf einen bekannten Werbespruch hieß es: "Frustschutz - nie war er so wertvoll wie heute."

Der Erfolg, der sich mit dem zweiten Stück "Was, das war’s schon?" einstellte, brachte zunehmenden Erfolgsdruck. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Gruppe aus drei Frauen und sechs Männern.

Doch die bereits Berufstätigen konnten die Anzahl der Proben und Auftritte nicht weiter steigern. Die Zahl der Akteure pendelte sich auf zwei Frauen und fünf Männer ein, wobei die weiblichen Mitglieder mehrmals wechselten. In der öffentlichen Kulturszene aktiv blieben die in der Region bekannten Musiker und Lehrer Peter Damm und Siegfried Fritz.

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