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Ronya Othmann (l.) und Helene Bukowski in der Galerie 23.

Verstörendes Szenario

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Gießen (jou). Stilistisch wie inhaltlich ziemlich verschiedene Texte zweier Nachwuchsautorinnen standen bei der Lesung des Literarischen Zentrums am Donnerstag in der Galerie 23 auf dem Programm. Zunächst präsentierte die 26-Jährige, in München geborene und im Landkreis Freising aufgewachsene Ronya Othmann ihren autobiografischen Text "Vierundsiebzig". Darin beleuchtet sie den Genozid an Jesiden durch den Islamischen Staat im August 2014. Schonungslos konfrontiert Othmann mit einem Schreckensszenario. Durch den persönlichen Erfahrungshintergrund der Autorin erhält der Text besondere Eindringlichkeit. Dabei reflektiert sie zudem über die Sprachlosigkeit im Angesicht des Grauens. Auch ihre jesidische Verwandtschaft im Irak wird bedroht. Auf verstörende Weise vergegenwärtigt sie, wie Menschen verschleppt, vergewaltigt und ermordet werden.

Im Gespräch mit Moderatorin Rica Burow merkte Othmann an, sie habe zunächst einen journalistischen Bericht geplant, diese Textform reichte ihr indes nicht aus. "Vierundsiebzig" sei nur ein Ausschnitt ihres unter anderem auf Interviews basierenden Materials. Über traumatische Dinge zu sprechen wirke wie Fiktion, betonte sie, seien doch die brutalen Taten beinahe irreal.

Von anderer Art ist der Debütroman "Milchzähne" der gleichaltrigen, aus Berlin stammenden Autorin Helene Bukowski. Schauplatz der Geschichte, die in ferner Zukunft spielen könnte, ist eine sonderbare Gegend, in der die Menschen abgekapselt von der Außenwelt leben. Skalde, die dort mit ihrer Mutter Edith wohnt, findet ein Mädchen im Wald und versteckt es zu Hause. Dorfleute sehen das Kind im Garten und warnen sie vor ihm. In dem Ort herrschen Fremdenfeindlichkeit sowie starre Konventionen. So drohen die Protagonistin und ihre Mutter ausgegrenzt zu werden, weigern sie sich doch, das Mädchen auszuliefern.

In dem Roman gehe es um Menschen, die sich ans Land gewöhnt hätten und "vor einer nicht klar definierten Bedrohung schützen", erläuterte Bukowski. Jeder lebe für sich und beobachte die anderen. Sie habe versucht, Bilder zu finden für Symptome, die sie beschäftigen. So existierten in der heutigen Realität Menschen, die sich abschotten. Zwischen der Gewalt gebe es im Roman auch "Momente der Solidarität". Der Titel "Milchzähne" spiele darauf an, dass die Dorfleute ihre Zähne aufheben, da sie an allem Alten festhielten. Das Publikum lauschte beiden Autorinnen gebannt und spendete freundlichen Applaus.

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