Stühle spielen bei Benno Walldorf eine herausragende Rolle; hier sein Gemälde "Meine theoretische Erfindung der Wind-Kunst am 28.8.1971". FOTO: OBERHESSISCHES MUSEUM/KNOSSALLA
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Stühle spielen bei Benno Walldorf eine herausragende Rolle; hier sein Gemälde "Meine theoretische Erfindung der Wind-Kunst am 28.8.1971". FOTO: OBERHESSISCHES MUSEUM/KNOSSALLA

Verstörende Menschenleere

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Im Wind-Kunst-Bild im Oberhessischen Museum gibt der aus Gießen stammende Maler Benno Walldorf Rätsel auf.

Der Prophet gilt bekanntlich nichts im eigenen Land. Auf den in Gießen geborenen Maler Benno Walldorf (1928 bis 1985) trifft die alte Spruchweisheit in besonderem Maße zu: Während der prominente Vertreter des sogenannten magischen Realismus und leidenschaftliche Jazzmusiker in der Frankfurter Kunstszene noch heute als außergewöhnlich vielseitiger Künstler in Erinnerung geblieben ist, schenkt man ihm in seiner Geburtsstadt kaum noch Beachtung. Während in Frankfurt eines seiner berühmten Wandgemälde beim Abriss des Technischen Rathauses gerettet wurde und nun die zweite Tiefgeschossebene des Dom-Römer-Parkhauses schmückt, sind seine Wandbilder im Gießener Hallenbad-West im vorigen Jahr aus Unkenntnis ihres Wertes überpinselt worden.

Seine unverwechselbare Bilderwelt, die zum Entschlüsseln anregt, kann man indessen im Alten Schloss antreffen. Dort hängt ein Gemälde, das vordergründig mit leichtfüßiger Naivität daherkommt. Auf den ersten Blick fühlt man sich in ein buntes Spielzeugland oder einen Traum versetzt. Nichtsdestoweniger spürt man jedoch, wie uns diese farbenfrohe Anderswelt herausfordert, weil wir die tiefere Wahrheit des Bildes ergründen möchten. Und man spürt, dass hier eine gehörige Portion Ironie im Spiel ist und dem der Maler offenbar der Schalk im Nacken saß, denn der Titel lautet sibyllinisch: "Meine theoretische Erfindung der Wind-Kunst am 28.8.1971".

Benno Walldorf war eine künstlerische Universalbegabung, ein kreativer Tausendsassa, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in der aufstrebenden Mainmetropole Frankfurt nicht nur als Maler, sondern auch als Jazzmusiker (Saxofon und Klarinette) und Fotograf berühmt wurde.

Ein Tausendsassa

Angeregt durch seinen Großvater, der naiver Maler und Antiquitätensammler war, hatte er schon früh seine Liebe zur Malerei entdeckt. In seiner Auseinandersetzung mit der modernen Malerei gelangte er als Autodidakt zu einem eigenen Stil des magischen Realismus, bei dem sich Elemente der realen Wirklichkeit mit denen des Traumhaften und Überwirklichen auf plakative Weise zu einer neuen Bildwirklichkeit verbanden. Bevorzugte Sujets waren Motive aus der Zirkuswelt sowie Stillleben, in denen Stühle und andere Gebrauchsgegenstände eine wichtige Rolle spielten. Walldorf schuf Wandbilder in etlichen öffentlichen Gebäuden - auch im Fernmeldeamt in Hanau und in der Uni-Bibliothek in Konstanz. Seine Arbeiten befinden sich im Besitz des Frankfurter Städel-Museums und in Privatbesitz.

Wie der Titel des Gießener Bildes bereits anklingen lässt, erhebt es eine unsichtbare Macht zur "Hauptperson": den Wind. Man sieht, wie er den Rauch aus den Schornsteinen einer Fabrik auf der grünen Wiese aufsteigen lässt und wie er eine schwarz-weiß kariertes Stück Stoff aufbläht, das an die Zielfahne bei den Formel-1-Rennen erinnert. Das Karomuster des Stoffes setzt sich auf der Platte eines orangefarbenen Tisches fort, zu dem ein Stuhl in derselben Farbe gehört. Freilich lädt der Stuhl nicht zum bequemen Sitzen ein, weil eine hervorstehende Kante in der Rückenlehne höchst unangenehm drücken würde. Die Gegenstände werfen keine Schatten und sind damit als Objekte einer bewusst erzeugten Künstlichkeit gekennzeichnet. Sie sind Sinnbilder des modernen Lebens.

Das Auffälligste ist jedoch die Abwesenheit des Menschen. Diese Menschenleere ruft ein verstörendes Gefühl der Einsamkeit und Beunruhigung hervor. In Walldorfs Welt der Dinge trifft man zwar auf Spuren der Zivilisation, aber die eingeschlagenen Pflöcke auf der Wiese und die Rauchfahnen sagen uns lediglich, dass Menschen hier gewesen sind, nicht aber, dass sie noch existieren. Es fallen einem Endzeitbilder vom ausgestorbenen Planeten nach Atomkrieg, Umweltkatastrophe oder einer Pandemie ein. Darauf könnte auch der sich über der Stille wölbende Sternenhimmel hinweisen, der sich zum Weltall öffnet und bei diesem Gedanken plötzlich kalt und bedrohlich wirkt.

Dass nicht alles so gemeint ist, wie es erscheint, darauf hat der Gießener Kunsthistoriker Dr. Andreas Ay 2013 bei der Eröffnung einer Walldorf-Ausstellung in Bad Homburg hingewiesen. Er sprach von einem "ironischen Drahtseilakt" und von der "artistischen Ironie", die dem Maler halfen, die Wirklichkeit zu überwinden: "Denn der Artist, der virtuos fliegende Stühle und schwebende Gegenstände malte, fürchtete sich vor dem Fliegen."

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