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Nicht nur die Münzen haben eine bewegte Geschichte, sondern auch der Tresor. FOTO: SCHEPP

Der verschüttete Panzerschrank

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Gießen(chh). Alte Münzen haben etwas Mystisches. Könige haben sie genauso verehrt wie Dirnen oder Landstreicher. So gesehen sind Münzsammlungen an sich schon spannend, zumal sie viel über das Finanzwesen vergangener Zeiten verraten. Was die Sammlung der Gießener Uni noch besonderer macht? Ihr Aufbewahrungsort.

Insgesamt rund 3700 antike Münzen

Manchmal sind es die scheinbar unbedeutenden Menschen, die mit ihren Taten Großes bewirken. Im Fall der Justus-Liebig-Universität heißt dieser Mensch Peter Brinkmann. Ein Geistesblitz des Hausmeisters hat dafür gesorgt, dass in den Wirren des Zweiten Weltkrieges ein Schatz nicht in die Hände von Plünderern geraten ist. Aber der Reihe nach.

Wir schreiben das Jahr 1702. Johann Heinrich May der Jüngere beginnt an der Gießener Universität sein Studium. Sieben Jahre später wird der gebürtige Schlammbeiser Professor für griechische und orientalische Philologie. Bis zu seinem Tod im Jahre 1732 sammelt May um die 500 antike Geldstücke, die zum Grundstock der Gießener Münzsammlung werden. In den folgenden Jahrhunderten eifern viele Professoren May nach, und so wächst der Bestand auf 3700 Münzen. Darunter befindet sich zum Beispiel ein sehr gut erhaltener römischer Dinar mit dem Konterfei von Didius Julianus, der nur 66 Tage römischer Kaiser war und dann ermordet wurde. Im Jahr 1912 wird die Münzsammlung dann in einen eigens durch Carl Watzinger angefertigten Panzerschrank gebracht. Ein Glücksfall.

1944: Die Bomben der Alliierten legen Gießen in Schutt und Asche. Viele Universitätseinrichtungen werden getroffen, darunter auch das Hauptgebäude, in dem sich der Tresor befindet. Die verkohlten Balken können den Panzerschrank nicht mehr halten, samt der Münzen kracht er durch die Decke. Dann schlägt die Stunde von Hausmeister Brinkmann: Er weiß, dass die Münzen für die vielen Plünderer das große Los bedeuten würden. In Sicherheit bringen kann er den Koloss jedoch nicht, dafür ist er viel zu schwer. Und so bedeckt Brinkmann ihn mit Bombenschutt. Mit Erfolg: Während viele andere Wertgegenstände den Raubzügen zum Opfer fallen, überstehen Tresor und Münzen die Wirren der Bombennächte. Anschließend wird der Safe in die Commerz- und Privatbank gebracht und aufgebohrt. Seit 1951 befindet sich die Sammlung in einem gesicherten Raum in der Universitätsbibliothek.

Leider sind die historischen Dokumente über die Münzen verschollen, sie verbrannten wohl in der Bombennacht. Daher ist ein Team der Justus-Liebig-Universität gerade dabei, eine neue Dokumentation anzulegen.

Würde man die Sammlung auf Ebay verkaufen, man wäre wohl ein reicher Mann. Für die Forscher der JLU ist der wissenschaftliche Wert der Münzen jedoch weitaus größer. Sie verraten unglaublich viel über die gesamte Wirtschafts- geschichte. Zum Beispiel was wo in welcher Stückzahl geprägt wurde. Um ein Haar wären diese seltenen Zeugnisse der Antike verloren gegangen. Doch dann schlug die große Stunde von Hausmeister Peter Brinkmann.

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