Das Gießener Stadtsiegel von 1343. FOTO: TRISTAN SCHAUB
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Das Gießener Stadtsiegel von 1343. FOTO: TRISTAN SCHAUB

Verschollen geglaubte Sammlung

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). Die Justus-Liebig-Universität ist im Besitz vieler Sammlungen. Manche sind uralt, andere eher neu. Einige werden für die Forschung eingesetzt, andere haben vor allem musealen Charakter. Es gibt sogar Sammlungen, die aus lebenden Objekten bestehen. Und dann wären da noch welche, von denen die Universität gar nichts weiß - und deren Wiederentdeckung für leuchtende Augen bei den Verantwortlichen sorgen. Prof. Stefan Tebruck vom Historischen Institut der JLU kann ein Lied davon singen.

Die kleine Siegelsammlung gehört zu den beiden Professuren für Mittelalterliche Geschichte und für Vergleichende deutsche Landesgeschichte. Sie ist längere Zeit in Vergessenheit geraten und rückte erst vor drei Jahren wieder in den Mittelpunkt des Interesses der Gießener Mittelalterforscher. "Auslöser für die Wiederentdeckung waren Aufräumarbeiten in einem größeren Magazinraum im Philosophikum I, der sowohl von der Fachbibliothek Geschichte als auch von mehreren Professuren im Historischen Institut genutzt wurde", erzählt Tebruck. Dabei seien auch zwei größere Kisten aus dem Lagerbestand der Mittelalter-Professur zum Vorschein gekommen, in denen sich etwa 40 Abdrücke und Reproduktionen mittelalterlicher Siegel befanden. Weitere Nachforschungen förderten weitere 20 Reproduktionen mittelalterlicher Siegel zutage, die zum Bestand der Professur für Landesgeschichte gehören. "Damit hatten wir zu unserer eigenen Überraschung eine kleine Siegelsammlung von insgesamt 60 Exemplaren wiederentdeckt, über die wir uns begeistert hermachten." Tebruck und seine Kollegen wollten zunächst wissen, aus welcher Zeit diese Siegel stammten, und welche Könige, Kaiser, Bischöfe, Äbte oder Städte diese Siegel einst benutzt haben.

Rasch habe sich gezeigt, dass es sich um moderne Abdrücke bzw. Reproduktionen von Abdrücken von mittelalterlichen Siegeln handelt. "Die meisten sind aus Wachs, ein Drittel der Stücke besteht aus leichter Keramik. Wer sie wann und zu welchem Preis für das Historische Institut gekauft hat, lässt sich nicht mehr feststellen", erklärt Tebruck.

Nicht nur die Wissenschaftler sind erfreut über die Wiederentdeckung, auch die Studierenden sollen profitieren. Die Stücke, die als Beglaubigungsmittel auf Urkunden aufgedrückt oder mittels Pergamentstreifen oder Hanf- und Seidenfäden an die Urkunden angehängt worden sind, vermitteln den Studenten einen authentischen Eindruck vom mittelalterlichen Siegelwesen.

Die Sammlung enthält Abdrücke und Reproduktionen von Siegeln, die zwischen dem 8. und dem 17. Jahrhundert benutzt worden sind. Das älteste Stück zeigt den Frankenkönig und Kaiser Karl den Großen (†814), das jüngste stellt den Habsburger Kaiser Rudolf II. (†1612) dar. Neben Kaiser- und Königssiegeln zeigen die Stücke eine Vielzahl von Fürsten-, Bischofs- und Abtssiegel, es finden sich aber auch eine Reihe von Stadtsiegel in der Sammlung.

Noch seien nicht alle Siegelbilder entschlüsselt und datiert, sagt Tebruck und fügt hinzu: "Es liegt also noch ein gutes Stück Arbeit vor uns."

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