Der Einband der studentischen Broschüre "Quell der Weisheit". FOTO: DKL
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Der Einband der studentischen Broschüre "Quell der Weisheit". FOTO: DKL

Verpasste Gelegenheiten

  • vonDagmar Klein
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Gießen(dkl). Die Uni Gießen hätte unter den ersten sein können, die eine Frauenforschungsprofessur einrichtet. Namhafte Wissenschaftlerinnen bewarben sich, die dann an anderen Universitäten Karriere machten. Auch daran erinnert die ab Dienstag, 27. Oktober, im Alten Schloss wieder live zu besichtigende Ausstellung "Feuer und Flamme für diese Stadt - Das bewegte Gießen der 80er Jahre".

Für Gießen hatte es hoffnungsvoll begonnen mit Helge Pross, die 1965 als eine der ersten Professorinnen an die Uni berufen wurde, um das Institut für Soziologie aufzubauen. In ihrer Gießener Zeit publizierte sie die empirische Studie "Die Wirklichkeit der Hausfrau" (1975), die erste Untersuchung über nicht-erwerbstätige Ehefrauen. Was damals noch die Regel war. Pross verließ Gießen ein Jahr später im Streit ("Die Universität - ein Herrenhaus") und ging an die neu gegründete Gesamthochschule Siegen.

Danach gab es 1977/78 eine einjährige Lehrstuhlvertretung durch die US-amerikanische Soziologin Carol Hagemann-White, deren Buch "Frauenbewegung und Psychoanalyse" später zum Klassiker wurde. Doch die Gießener Kollegen wollten sie nicht behalten, der Vertrag wurde nicht verlängert. Von studentischer Seite erfolgten über ein Jahrzehnt immer wieder Proteste. Im Laufe der Jahre wurde die Forderung nach einer Professur für Frauenforschung zwar leiser, verschwand aber nicht.

Tradition der Männerbunde

Die Universität war in dieser Zeit noch sehr männlich orientiert. Auch der Fachbereich 03, Soziologie und Politik, war von Gleichstellung im Beruf weit entfernt. Es gab nicht endende Streitigkeiten um die Ausschreibung der Professur (Soziologie der Frau oder Mikro-/Entwicklungssoziologie), dann um Gremien und Berufungslisten, schließlich wurde die Professur mehr als zehn Jahre später gestrichen. Nachzulesen im Beitrag von Irene Häderle zum Katalog "100 Jahre Frauenstudium an der Universität Gießen" (2008). Noch im November 1990 wunderte sich ein Kollege dieser Zeitung in einem Artikel darüber, dass offenbar "Kein Platz für eine Professorin am Fachbereich 03" sei.

Ursula G. T. Müller ist eine, die diese Zeit miterlebt hat. In ihrem Erinnerungsbuch "Die Wahrheit über die lila Latzhosen" (2004) beschreibt sie die Situation so: "An die Stelle der Talare (...) setzte die neue Dozentengeneration die Tradition der Männerbünde." Die beteiligten Frauen erlebten "mit hilfloser Wut und Ohnmachtsgefühlen, dass weder Qualifikation noch Argumente ausschlaggebend sind, sondern einzig und allein Machtkonstellationen nach dem Motto ›Unterstützt du mich hier, unterstütze ich dich da‹". Die einzige wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich 03 war ab Ende der 70er Jahre Uta Enders-Dragässer, die zur Lebenssituation von Müttern forschte. Nach ihrem Weggang 1986 gab es für Seminare zu Frauenthemen nur noch Lehraufträge. Studentinnen, die ihren Eigeninteressen folgten, fuhren auf Frauen-Tagungen andernorts, besonders beliebt war die Sommer-Akademie Berlin. Alle brachten frische Ideen mit, die in Lektüreempfehlungen an Freundinnen, die Organisation einzelner Frauentage oder die Frauenvortragsreihen mündeten.

Eine spektakuläre Aktion war die 1982 ausgerufene Frauen-Universität, da das Uni-Präsidium die 375-Jahrfeier der Universität elitär und konventionell anging. Die selbst gefertigte Broschüre "Quell der Weisheit" wird noch heute von damaligen Studentinnen wie ein Schatz gehütet.

Einzelne Frauen besuchten auch Seminare an Nachbaruniversitäten, was die Studienordnung zeitlich noch zuließ. Kunsthistorikerinnen gingen etwa nach Marburg, wo die Pionierin der Künstlerinnenforschung Renate Berger lehrte. Historikerinnen fuhren nach Frankfurt, wo Ulrike Prokop unterrichtete, die mit ihrer Ausstellung "Frauen im Nationalsozialismus" im Historischen Museum selbst Geschichte schrieb.

Die erste rot-grüne Landesregierung 1986 schrieb sich Frauenförderung auf ihre Fahnen und stellte Gelder für Projekte bereit. Wissenschaftsministerin Vera Rüdiger war an der JLU eine der ersten wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen gewesen, sie kam mit der ersten Professorin für Pädagogik Hildegard Hetzer, und war 1965 die jüngste Abgeordnete im Stadtparlament. Umgesetzt wurden daraufhin vor allem die Stellen der Frauenbeauftragten. Die erste Frauenforschungs-Professur Hessens gab es zum Wintersemester 1987/88 mit Ute Gerhard an der Uni Frankfurt. Und in Gießen? Da dauerte es bis 1995, ehe Barbara Holland-Cunz für "Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Frauenforschung" berufen wurde. 30 Jahre nach Helge Pross. Die Emanzipation ist eine Schnecke.

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