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Vernissage mit Gänsehaut

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Die einen mussten schlucken, anderen standen die Tränen in den Augen und alle hatten Gänsehaut: Es war eine Vernissage der Emotionen gestern Abend in der alten Kunsthalle der Kongresshalle, wo die Ausstellung "Erinnerung und Mahnung" zum 75. Jahrestag der Zerstörung Gießens im Zweiten Weltkrieg eröffnet wurde. Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz brachte die Leistung der Gesamtschule Gießen-Ost auf den Punkt: "Ihr habt heute Abend ein Stück Gießener Erinnerungskultur geschrieben."

Den rund 300 Besuchern in der alten Kunsthalle der Kongresshalle flogen die lauten Widerworte nur so um die Ohren: "Verglüht", "verbrannt", "verschüttet", "erstickt", antworteten die mitten im Publikum stehenden Oberstufenschüler jedes Mal, nachdem ihre Mitschüler/innen die Überschrift aus der Gießener Nazi-Propagandazeitung vom 8. Dezember 1944 ebenso trotzig zitiert hatten: "Frontstadt Gießen ungebeugt". Zuvor hatten sich die schwarz gekleideten Schülerinnen und Schüler der Kurse Darstellendes Spiel im Marschtritt den Weg durch die Menge gebahnt und dabei das Propagandalied "Es zittern die morschen Knochen" gesungen - bis von der Marschkolonne nur eine zitternde und stotternde junge Frau übrig blieb.

Mit diesem Auftritt der Oberstufenschüler/innen, der viele der Anwesenden richtig mitnahm, wurde am Freitagabend die gemeinsame Ausstellung "Erinnerung und Mahnung" der Gesamtschule Gießen-Ost, der Stadt und der Gießener Allgemeinen Zeitung eröffnet.

Die von den Exponaten der vier Kunstkurse und der Aufführung der drei Kurse Darstellendes Spiel sichtlich angefasste Oberbürgermeisterin hatte danach die nicht einfache Aufgabe, die richtigen Worte zu finden. "Gedenken darf nicht zum Ritual erstarren. Wir brauchen neue Formen der Auseinandersetzung mit dieser Zeit. Ihr habt einen neuen Zugang zu diesem leidvollen Kapitel der Gießener Stadtgeschichte gefunden", sagte Dietlind Grabe-Bolz.

Auch Schulleiter Dr. Frank Reuber, der durch die Anwesenheit bei den Proben wusste, was auf die Besucher zukommt, musste sich erst einmal sammeln. "Was wir hier sehen und gesehen haben ist beispielgebend dafür, wie man sich erinnern kann. Ich bin heute Abend ein unglaublicher stolzer Schulleiter." Er zitierte eine der mitwirkenden Schülerinnen: "Ich sehe Gießen jetzt mit ganz anderen Augen."

Wie die Schüler/innen der vier Kunstkurse das Thema gesehen und umgesetzt haben, erläuterte im Anschluss Lehrer Frank Tasler stellvertretend für seine Kolleginnen Dr. Stephanie Hahn, Sonja Rösler und Katja Seidel. Die Kurse Darstellendes Spiel leiten Waltraud Montag, Hannes Roos und Jens Häuser. Alle Redner der Vernissage dankten der Stadtredaktion der Gießener Allgemeinen Zeitung, im Sommer den Anstoß für das Projekt gegeben zu haben.

Für die Schüler/innen hatte zu Beginn Finn Feustel jeder Missdeutung insbesondere der Spielszenen die Grundlage entzogen: "Deutsche und auch Gießener haben diesen verbrecherischen Krieg begonnen. Am 6. Dezember 1944 sind Gießener selbst zu Opfern dieses Krieges geworden."

Die Ausstellung ist leider nur bis einschließlich kommenden Mittwoch in der Kongresshalle zu sehen. Öffnungszeiten der Ausstellung "Erinnerung und Mahnung": Sonntag von 10 bis 16 Uhr, Montag bis Mittwoch 9.30 und 15.30 Uhr (Samstag geschlossen).

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