+

Verlorenes Stück von Alt-Gießen

  • vonRedaktion
    schließen

Oscarpreisträger Hein Heckroth hat seiner Heimatstadt ein wunderschönes Bild von der Ostanlage hinterlassen. Das 1924 entstandene Gemälde in der Sammlung des Oberhessischen Museums lädt dazu ein, ein verlorenes Stück von Alt-Gießen wiederzuentdecken.

Alleen üben eine eigentümliche Faszination auf uns Menschen aus. Einerseits fühlen wir uns unter dem dunklen Blätterdach der Baumkronen geborgen, abgeschirmt von aller Welt im wahren Wortsinn. Andererseits zieht es uns hinaus in die Ferne, im Sog des sich verjüngenden Weges dem Licht entgegen. So dichtete Christian Morgenstern: "Ich liebe die graden Alleen/ mit ihrer stolzen Flucht./ Ich meine sie münden zu sehen/ in blauer Himmelsbucht."

Der aus Gießen stammende Maler und Bühnenbildner Hein Heckroth (1901 bis 1970) hat seiner Heimatstadt ein wunderschönes Gemälde hinterlassen, vor dem man als Betrachter jenes von Morgenstern beschriebene Alleengefühl gut nachempfinden kann. Das 1924 entstandene Bild "Ostanlage in Gießen" in der Sammlung des Oberhessischen Museums lädt dazu ein, ein verlorenes Stück von Alt-Gießen wiederzuentdecken.

Oscar 1949 für "The red shoes"

Es gibt Städte, die mit Stolz darauf verweisen, den einen oder anderen Nobelpreisträger hervorgebracht zu haben. Aber ein Oscarpreisträger ist hierzulande doch eine Seltenheit. Hein Heckroth erhielt Hollywoods bedeutende Trophäe 1949 für seine Ausstattung des englischen Ballettfilms "The red shoes" von Michael Powell und Emeric Pressburger. Daher gilt er unbestritten als der berühmteste Künstler Gießens von internationalem Rang. Vor allem in Amerika und England genießt er hohes Ansehen.

Nach dem Studium an der Städelschule in Frankfurt arbeitete Heckroth bis 1933 als Lehrer an der Folkwang-Schule in Essen. Da er sich weigerte, sich von seiner jüdischen Frau Ada, einer Geborenen von Rothschild, zu trennen, floh er mit ihr vor den Nazis über Holland nach Paris. Dort lebte das Paar davon, dass sie Herrenkrawatten herstellte und er malte. 1935 emigrierten die Heckroths abermals, diesmal nach England, wo der Maler aus Gießen 1947 eingebürgert wurde. Nach dem Krieg holte ihn der Regisseur Powell zum Film; mit ihm machte er über 20 Filme. Heckroth schuf auch die Ausstattung für den Spionagethriller "Der zerrissene Vorhang" von Alfred Hitchcock mit Paul Newman und Wolfgang Kieling in den Hauptrollen. Ab 1956 wirkte er wieder in Deutschland als Ausstattungschef der Städtischen Bühnen Frankfurt.

Heckroth war ein vielseitig begabter Künstler, bei dem sich die Arbeit für die Bühne und die Malerei nicht voneinander trennen ließen, sondern in einem ständigen Prozess einander inspirierten. So schuf er in einem halben Jahrhundert ein ebenso umfangreiches wie facettenreiches Œuvre, in dem sich alle großen Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts begegnen: Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Surrealismus, Informel.

In seinem frühen Gemälde von der Ostanlage ist eine Hinwendung vom Expressionismus zum eher sachlichen Stil feststellbar. Während die Expressionisten in ihren Straßenbildern zumeist hastende, wimmelnde Großstadtmenschen auf die Leinwand brachten, zeigt Heckroth eine menschenleere Allee, die in ihrer Beschaulichkeit außerordentlich beruhigend wirkt. Blaue Himmelsbuchten, von denen auch Morgenstern sprach, verheißen eitel Sonnenschein.

Alter Graben wurde zugeschüttet

Alles deutet darauf hin, dass es noch früh am Tag ist, vielleicht sogar ein Sonntagmorgen, an dem die Menschen länger zu Haus bleiben. In kraftvoller, am Expressionismus geschulten Malweise reiht sich Baum an Baum, und diese Reihung erzeugt einen Rhythmus, dem sich das sehende Auge bereitwillig ergibt. Schon hier verrät sich Heckroths Gespür für theatralische Effekte: Er nimmt zwar die Natur als Ausgangspunkt, macht sie sich jedoch für seine künstlerischen Zwecke zunutze, indem er etwa in das Dunkelgrün der kraftstrotzenden Natur mildes Licht von der Seite und von hinten einströmen lässt. Man meint, eine Theaterkulisse zu sehen und wäre nicht sonderlich überrascht, träte uns davor plötzlich Schillers Tell entgegen und spräche die berühmten Worte: "Durch diese hohle Gasse muss er kommen."

Besondere Aufmerksamkeit verdient noch der Graben, der rechts neben der Allee verläuft. Dabei handelt es sich um den sogenannten Schorgraben, der auf der Linie des alten Festungsgrabens um die Innenstadt herum verlief. Die von Heckroth gemalte Allee führte im Bereich des heutigen Parks an der Ostanlage zwischen Berliner Platz und der Senckenbergstraße am Botanischen Garten vorbei. Der imaginäre Fußgänger bewegt sich auf Heckroths Allee in Richtung Berliner Platz und Stadttheater, rechts jenseits des Grabens erstreckt sich der Botanische Garten. Bald nachdem das Gemälde entstanden war, muss der Graben verschwunden sein, denn in den zwanziger und dreißiger Jahren wurden Rohre verlegt und es wurde alles zugeschüttet.

Die 2001 in Gießen gegründete Hein-Heckroth-Gesellschaft hält die Erinnerung an den Oscarpreisträger wach und vergibt alle zwei Jahre den nach ihm benannten Bühnenbildpreis an renommierte Bühnenkünstler.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare